comment 0

Vom Gewissen der Moral / Preview (Intro only) / by Dennis Freischlad

Das weiße Privilegien-Patriarchat, toxische Maskulinität, Cisgender Sexismus, Transgenderphobia oder die Geburt der LGBTQQIP2SAA – Gemeinschaft. Wie die autoritäre Linke durch tragische Naivität dabei ist, den notwendigen Kampf gegen den rechten Faschismus zu verlieren. Und was jeder Europäer nun dringend tun muss, um zu Besonnenheit, Faktizität und aufrichtiger linker Politik zurück zu finden.

  1. In Zeiten des Chaos
  2. Marxismus und Postmoderne
  3. Der König ist nackt
  4. Revolutionäre ohne Revolution
  5. Das göttliche Individuum

1.

In Zeiten des Chaos

Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt, in der es bereits eine ungute Weile mit dem Teufel zugeht. In politisch instabilen und chaotischen Zeiten ist es seit jeher leicht zu beobachten, wie schnell sich Vernunft, nuanciertes Denken und die bewährten Axiome demokratischer Debattenkultur verabschieden, um Platz zu schaffen für ideologisches Geplärr aus den linken und rechten Randspektren, die alsdann über Gebühr Zulauf erhalten. Das kollektive Gedächtnis ist stets leise bis hin zur Sprachlosigkeit, während sich die Gesundheit individueller Ignoranz jeden Tag aufs Neue zu verlautbaren weiß. So erinnert man sich im gegenwärtigen Lärm einer Gesellschaft, die an etlichen entscheidenden Stellen chronisch zu erkranken droht, kaum mehr der Lehren, die das 20. Jahrhundert Europa und der Welt mit auf den Weg gegeben hat. Dass namentlich die Identitätspolitik der rechten und linken Faschisten in kaum sagbaren Katastrophen endete, ist bei jenen längst vergessene Sache, die heute erneut eine radikal-exklusive rechte Politik aufstellen, oder, auf der gegenüberliegenden Seite, eine ebenso folgenschwere Gleichmachungskampagne betreiben, die leider so wenig mit der angepriesenen Gerechtigkeit zu tun hat, dass sie sogar die Propagandaministerien der alten Sowjetstaaten angenehm überrascht hätte.
Da inhaltliche Stumpfheit bereits in den Auftritten rotzmäuliger Populisten zu identifizieren ist, wenn sich eine unansehnliche Fratze nach der anderen wutschnaufend auf jene biernassen Rednerbühnen hievt, von denen dem Volke endlich wieder einmal das Wesen desselben erklärt wird, ist die Hässlichkeit der extremen rechten Gesinnung allerorts leicht zu dechiffrieren. Etwas komplizierter verhält es sich mit dem autoritären Teil der Linksgenossen, die ein immenses Maß an Verachtung in einen Mantel aus netten Worten zu kleiden wissen und tatsächlich kein Problem darin erkennen, unter dem Dogma verschwommen wahrgenommenen Mitgefühls eine totalitäre Gesellschaft zu erzwingen.
Da Hass und Gewalt bei den Rechten offener zum Vorschein kommen und direkter angewandt werden, ist es leicht zu vergessen, wie wenig sie sich von jener Couleur unterscheiden, mit denen pathologische Linke ihren Gegner nachstellen. Es handelt sich um eine Gefahr, der wir uns aus zwei eng miteinander verknüpften Gründen dringend Gewahr werden müssen.

Die Art und Weise, wie die derzeitige Linke – vollkommen eingenommen und überrollt von ihren extremen Hardlinern, die man heute unter dem schlechten Begriff der Social Justice Warriors (SJW), der Gerechtigkeitskrieger subsummiert – ihre Anliegen vorträgt, wird gerade nicht dazu führen, dass sich die Menschen jeder Hautfarbe, jeden Geschlechts und jeder sexuellen Orientierung unter einer endlosen Sonne verbrüdern und verschwistern, wie es die Weltgeschichte durch eine langsame aber stetige Evolution vorgesehen hat.
Im Gegenteil. Sie wird durch ihren hegemonialen, identitätspolitischen Kurs mehr Grenzen, Gruppen und Unterschiede herausarbeiten, anstatt Grenzen und Gruppendenken im Hinblick auf unsere wesentlichen Gemeinsamkeiten/gemeinsamen Wesentlichkeiten zu überwinden; sie ist gerade dabei, unter der altbackenen marxistischen Prämisse der Macht und deren institutionellen Strukturen, die sich in der Vergangenheit ausnahmslos und mehr als deutlich als so falsch wie mörderisch erwiesen hat, einen erneuten Klassenkampf zu verlieren; sie wird immer durch ihr „Ideal“ eines diskriminierenden Herrschers, den es zu stürzen gilt, mehr Lügen als Wahrheiten in Kauf nehmen müssen und so die Menschen immerzu trennen, anstatt sie endlich zu einen; ihre Denunzierungskampagnen werden mehr zwischenmenschlichen Schaden anrichten als Nutzen, ihre Irrationalität wird kein schönes, wahres oder hohes Gefühl freilegen und ihre kindische Furcht, auch unangenehmen Wahrheiten ins Auge blicken zu müssen, die Heuchelei – hermaphroditisch verwachsen mit dem holden Blütenstaub der Naivität – landauf und landab nur noch vergrößern.
Es ist kaum zu begreifen: In Deutschland brennen wieder Asylbewerberheime! – und eine Gesellschaft der politischen Mitte ist nicht in der Lage, einen Nährboden für substanzielle Gegenwehr zu schaffen, der etwas anderes als hyperbolische Floskeln und nutzlose Beleidigungen hervorbringt; sie generiert kein Mittel, dass von den nicht-extremen Bürgern erkannt und unterstützt wird, keine allgemeingültigen, jeden Menschen berührende Offensichtlichkeiten, durch die man dem aufwallenden rechten Dummsinn wirksam entgegentreten kann. Stattdessen wenden sich die Menschen ab, kopfschüttelnd und frustriert. Warum? Das derzeitige regressive Unterfangen, das man überlaut als liberal-progressiv verkaufen will, hat einen immensen Anteil daran, dass sich besonnene Linke von den eigenen Genossen entfernen, die politische und gesellschaftliche Mitte stramm nach Rechts rückt und die Rechten mehr als genug Material haben, ihre Feindseligkeit zu zementieren und in ihrem ideologischen Dunkelbau hausen zu bleiben, da von der anderen Seite einfach kein Licht scheinen will.
Aber warum genau? Wie genau kommt es dazu, dass ganze Landstriche in Deutschland oder Frankreich, die früher die Sozialisten gewählt haben, heute die plump-nationalistischen Schreihälse auf dem Stimmzettel haben? Wie ist in der Gesellschaft ein Klima des pathologischen Moralisierens entstanden, das erwachsene Menschen wie kleine Kinder behandelt und – Spiegelbild schlimmster autoritärer Regimes – immerzu kontrollieren will, wie und was Menschen denken und sprechen dürfen? Wie kann es sein, dass in Zeiten, in der die Menschen die verachtenswerte Gaunerei der Banken und der Finanzmärkte, die Macht von Großkonzernen und die Globalisierung Sorgen machen, wie kann es da ein, dass sie allen Ernstes belehrt werden, warum in einer auf dem Patriarchat fußenden Gesellschaft ein Kompliment einer Vergewaltigung gleich kommt und warum die politische Korrektheit auch völlig ohne Korrektheit angewandt werden darf, solange sie den Mitmenschen nur genug Tugend signalisiert? Wie kommt es, dass nicht mehr die falsche Bewertung der Unterschiede zwischen Kulturen und Geschlechtern auf dem Prüfstein steht, sondern die Unterschiede selbst? Warum werden aktuelle zeitgenössische Themen, mit denen sich die Gesellschaft notwendigerweise beschäftigen muss, so behandelt, als seien sie seit Ur- und Unzeiten unterdrückt worden? Wie kommt es, dass sich die Linke (einstmals Verfechter von erkenntnisorientiertem Dialog und wissenschaftlicher Empirie) aufs selbe postfaktische Niveau wie die Rechten herunterlässt, wenn sich die eigenen Empfindlichkeiten nicht mit alternativlosen Fakten untermauern lassen? Warum beherrschen nicht Cum-Ex Geschäfte, Waffenhandel und vom Westen initiierte Angriffskriege die Schlagzeilen, sondern herz- und vernunftlos geführte Identitätsdebatten, welche alle auszumachenden Gruppierungen gegeneinander ausspielen und dadurch unser größtes gesellschaftliches Gut vernichten, eine durch dunkle Jahrhunderte gewonnene Erkenntnis, die es überhaupt erst ermöglicht, dass wir uns in aller nur erdenklichen Unterschiedlichkeit zu vereinen in der Lage sind. Ein Gut, das einfach nicht überzubewerten ist:
Dass sich der Wert eines Menschen allein nach seinen Taten und seinem Charakter bemisst.
Dass einzig und allein das Sein des Individuums zur Verantwortlichkeit gezogen wird und nicht die Gruppenidentität, nicht Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Religion.

Der gegenwärtig gescheiteste Kopf in dieser Sache ist der kanadische Psychologe Dr. Jordan Peterson, der sich, aus dem Blickwinkel der psychologischen Motivation, seit über vierzig Jahren mit der Entstehung linker und rechter Ideologien befasst und den gegenwärtigen Verhältnissen die genaueste Anamnese ausstellt: Dass die leidliche Fusionierung von Postmoderne und Marxismus (bzw. deren unzulänglichsten Interpretationen) im Kometenschweif einer polarisierenden, postfaktischen Zeit gerade zu ihrer Blüte reift und durch die idiosynkratrische Pervertierung klassischer linker Themen abermals gewährleistet, einer neuen Welt die alten Barbareien zu offenbarten. Dass wieder mal eine endlich bessere, gerechtere Welt proklamiert wird und gleichzeitig genau jene ausgetretenen Pfade eingeschlagen werden, die in der jüngsten Vergangenheit zu dem unsäglichen Horror aller kommunistischen Menschenbewältigungsversuche geführt haben. Warum also sind wir gerade dabei, links oder rechts aus der Bahn geworfen, passgenau und willentlich in den Wahnsinn des letzten Jahrhunderts zurückzufallen?
Seien wir versichert: Gestern wie heute ist kein allumfassender, kein hellsichtig-integrativer Wille zur Gerechtigkeit, der die auf lange Sicht tragischen Gleichmachungskampagnen antreibt: Es sind bittere Ressentiments, Naivität und Machtansprüche. Denn wer glaubt, der eigene, von juveniler Lebensenttäuschung, Denunzierungssucht und Sprachregulierung durchsetzte Anlauf auf den endlich besseren Weltenzustand würde diesmal nicht in Unterdrückung enden, weil ja schließlich der eigene Rassismus in liebkosenden Verbesserungswillen, der eigene Sexismus endlich die notwendige Gegenwehr und der eigene Traum von sozialer und politischer Kontrolle nur in bedingungslosen Mitgefühl gegründet sei, der möge besser seine Gründe prüfen und, wenn man sein Gewissen schon nicht zu Rate zu ziehen weiß, in der Geschichte nachschlagen, zu welchen Ergebnissen solche Unternehmungen ausnahmslos geführt haben.

Unser Dornröschenschlaf ist vorbei.
Während die seelenbleiche afd hochtrabend in den Bundestag einschunkelt, dürfen wir als Gegenreaktion nicht den nächstbesten Radikalen in die Hände fallen, deren gleichsam übersimplifizierte Ideologie ausschließlich von einer Obrigkeit initiierte soziale Konstruktionen für unser Sein verantwortlich macht und mit der Zerstörung der negativen und positiven gesellschaftlichen Fundamente den Nährboden für eine haltlose Zukunft ebnen will. Nein, an diesen Händen und an dieser Philosophie, die heute dem Mainstream, der Medienlandschaft und Großkonzernen shitstormwetternd das Sagen- und Nichtsagendürfen diktieren, klebt schon viel zu viel Blut, als dass wir sie uns abermals leisten könnten – auch und insbesondere, wenn die Alternative vom rechten Rand derart unsäglich ist, dass man sie in Deutschland kaum auszusprechen mag.
Kurzum: Wir müssen uns wieder entscheiden, in was für einer Welt wir leben wollen und wie wir die gesellschaftlichen Verhältnisse meistern, um unser Zusammenleben vor Hass, Denunzierung und Verachtung zu schützen. Denn eine bessere Welt ist so wahrlich wie möglich und, mit Blick auf die Evolution des transformativen Wesens homo sapiens, zum Glück unausweichlich.
Unsere dringlichste Aufgabe besteht noch immer darin, aus unserer sozio-ökonomischen Primatenvergangenheit unser sozio-ökonomisches Menschenaffendasein, also unsere Gegenwart zu begreifen, und aus diesem vollwertigen Wissen eine Zukunft zu gestalten, die wahrlich mehr Geist ist als Körper, mehr Intuition als Instinkt, mehr Mensch als Primat du schlichtweg mehr Liebe als Hass. Da nicht das Was und Wann im Vordergrund stehen, sondern einzig das Wie, wird das Narrativ allesentscheidend sein: Unsere genaue und ehrliche Schilderung der bisherigen Faktenlage im Hinblick auf jene intrinsischen Wirklichkeiten, die es aus allen Möglichkeiten zu verwirklichen und aus dem noch Ungestalteten auszugestalten gilt.
Der erste Schritt wäre, alles Übel und Reaktionäre, was uns und unseren Nächsten überkommen kann, radikal zu benennen.
Auch, wenn es sich hübsche Namen gibt.



comment 0

Dennis Freischlad / Requiem (take one)

Ich fuhr. Wo das Land
zu Ende ging kam ich unter
nahm die Segel ab und zählte die Groschen.

Einen Taler für Monde
die schweigend die Wellen vorantrieben, den anderen
für zu Seefahrerschnaps zerflossene Sonnen
Diener des Lichts und Geklimper
der morschen Kisten und Worte, der
Rechenmaschine groß
die Zähne mahlt und schluckt ohnegleichen.

Es dämmerte, und bei Nacht
verschwanden die Taler. Ich legte mich
in die Handvoll Sand, die mein Hosenbein hergab
schlug die Augen auf und träumte die Wege noch einmal:

Eine Frau
schwenkte das Zündholz ewigen Feuers
in üppigen Wäldern bei Tag und bei Nacht; ein Mann
lud sich den Ölzweig von Küste zu Küste.
Ich hielt Rast in Suppenküchen aus schwarzem Pfeffer
man hieß mich Willkommen im Aufgang der Berge
und die Augen der Tiere legten sich zu mir in den Schlaf.
Allerhand Nebel ließ mich singen und quaken
von des entschwundenen Gottes großer Gebühr.
In den Lachstuben sagbarer Köpfe saß ich
im Schatten meiner blauen Tinte, und immer wieder
fuhren die Schiffe frisches Papier in die Häfen.
Ich tauschte meine Namen gegen klangbares Salz
und die Gebete derer, die sich einfanden
in Rosmarin und weißem Zimt; als Krumen
und um nicht zu sagen
wo ich herkam oder was kommen wird
schwenkte ich Flaggen im morgenblauen Tau
und stieg erneut in die Tamarindbäume
hinaufgetragen durch Dieselfahnen und Mohn.
So lauschte ich dem Shiva-Singsang
der zum Abschied gewandten Geburten
der letzten Sonne Verse Ja und Amen
und delphische Tempel rollten den Rauch hinunter ins Tal.
Den richtigen Ton treffend verschwieg ich
eine geliebte, meine niemals unbewohnte Erde.

Ich fuhr, und wo die Nacht
zu Ende ging kam ich unter.
Keine Groschen blitzten im Sand.
Doch wahrlich, ich wusste Segel zu setzen
und hörte mich singen von Licht.

comment 0

Dennis Freischlad / Hundert Jahre Griechenland

Links erreicht uns das Meer, rechts dauern die Felsen; dahinter nur Wahrsagen von anderer Sprache. Ein großer Atem schluckt Licht in die Reben. Sonnen flügeln den Berg. Alles weiß, ist sich zur Kenntnis gegraben frühlings- und sommerlang, alles besitzt: der Stein den Sand und Wasser das Schweigen.
Wir kommen an. Seit Tagen keine Zeit ohne Ende. Ein kleines Auto schnürt die Stunden in die Rundungen von Ocker und Grün, verpackt die Erde und wirft sie unter den Himmel. Wir kommen durch ein Dorf, nur von schlafenden Katzen bewohnt, wir kommen durch ein Dorf, in dem die Hände taub sind vor Sonne, wir kommen durch ein Dorf und durch hundert Dörfer, die alle eins sind und überall – wir zählen sie nicht. Alte Männer, ein ganzes Jahrhundert Wetter in den Gesichtern gelagert, schnipsen Papierkugeln von den Tischen. Halbe Ohren, trübe Augen, ihre Kraft verzimmert in ein Haus aus Knochen. Sie halten sich zusammen mit selbstgemachten Witzen, die die Frauen aufhorchen lassen in diesem letzten Stück Leben, endloser Raum des Wartens, nur bewohnt von uralten Worten und Mokka. Das Sehen und Hören und das Wissen schon lange. Das Bleiben. Dorf, überall, den Himmel voll Trauben und schon längst nicht mehr durstig.
Silberteppich dort, wo die Olivenhaine ins Tal rollen, und weiße Falter in Büschen. Fenchelbaum, Sesam, Narzisse. Knospenweiche Kapseln, in denen Lilien trinken und der Zinnober platzt. Die Sonne schmeckt weiß, die Luft tauscht Blüten gegen klarbare Lippen. Nur Orangen drängen dick und üppig und leuchtend in die Landschaft, alles andere ist Beweis jener Zartheit, die auch an den Augen der Menschen ihre Feingemahlenes hellt. Es geht schlichtweg nicht anders: Was hier der Trockenheit und dem Erdstein Leben abgewinnen will, muss den feinen Schnitt dieses ewigen Landes in sich ruhen haben, der Jahrhunderttausende Wind und Meer. Nichts ist unbedacht und kein Halm, anderer Erde Wahrheit, zu leichtsinnig aus Ton und Eisen hinauf zu Sonne und warmen Nächsten gewachsen. Nur ein Gott nährt jene Sorgfalt, die solcherlei Sein ins Wachsende, ins wolkenwärts Werdende blüht und weiter nichts will. Kraut und Strauch und Blum als hauchzarter Geschmack, der sich zwischen Erde und Sonne legt wie eine große Leidenschaft, von der jeder weiß, der ist. Vollendeter Thymian, breiter Muskat, alchemistischer Salbei. Licht im Rosmarin, das man Blütsam nennt und Dorn. Da liegen sie also, die mannignackten Augen der Göttin, die sich den Koriander aus der Brust treibt und sich Wasser ruft unaufhörlich. Pantheon: Was hier Lebstoff ist und Wuchs, hat alles verdient.

Camus schrieb, Europa brauche mehr von dieser das Dunkle maßregelten Mittelmeerphilosophie, mehr von weichem Wein und warmen Meereswind, der jeder Stirn ein bleibendes Gebet spricht. Die Elemente kennen das Tier und wissen den Menschen. Wer will hier nicht Alles lieben, umringt von Brüdern und Schwestern, deren Namen in allen Dingen der eigene ist?
Alles kennt, alles besitzt. Mit den Händen, die man den ganzen Tag tief in den Körpern des Felsens, im Meeresblau und in der Erde hatte, greift man Abends das Brot und verteilt es über den Tischen. Das Brot weicht den Wein, das Brot legt sich in den Mund wie Schlaf, das Brot hat Lieder alle, das Brot ist aus den Worten der Menschen. Die Menschen verteilen das Brot über den Tischen und singen und sagen, das Brot kenne den Herzhof und der Wein gebe reichlich. Die Köchin mit riesigen Händen und dem großen Lachen der Berge. Auf ihrer Schulter sitzt eine Fliege. Auf ihrer anderen Schulter wächst Pfeffer. Der Raum klingt. Wir sitzen im Inneren eines Weinfasses, sagt Hannah. Die Köchin verjagt die Katzen und schneidet Zucchini, am Holz klebt die Butter und fließt in die Kehle. Wir trinken und essen und wachen herauf zu Wolk und Holunder, die der Wind herbeispricht.
Keine Telefone, keine Wochentage. Wenn wir irgendwo die Uhrzeit sehen, bezweifeln wir sie. Es wird schon nicht jene sein, die wir empfinden. Die Katzen sitzen stumm und schön unter dem Tisch und warten auf Krumen. Wenn die Köchin die Messer schleift und leise rülpst, ist der Abend endgültig aus dem Meer gestiegen. Umarmung, ein Kuss, sie fährt über die Flecken ihrer Schürze und geht Wunschbrunnen trinken. An der Klostermauer fließt ein alter Bach in ihre Beine und bringt ihr den Schlaf. Morgen wird sie berichten.
Der Weg zu unserem Haus hat dunkle Flecken von zertretenen Oliven. Der Wein ist leer aber wir machen ihn voll. Ein Losverkäufer geht die Landstraße entlang und klaubt sich Tabak aus den Taschen. Die Sonne stürzt weit hinter den Hügel und macht die Nacht auf. Wir sitzen auf dem Balkon, der zum Meer geht, und hören das Meer. Wir sitzen auf dem Balkon, der zum Felsen hinaufgeht, und stopfen uns Monde in den Mund. Hannah sagt, der Fels habe eine Kraft, die mehr ist als Erde. Die Milchstraße schwankt und springt uns über die Lippen. Wir haben keine Wahl und lachen über uns: Kleine bewegliche Gegenstände der Landschaft, des bebilderten Äons unserer Augen, die nach Schnaps greifen und behaupten, man könne ewig so weitermachen. Wir lachen, aber die Sterne decken uns zu.

Ich wiederhole: Erde, Luft, Stein, Salz. Ich schreibe: Der Morgen und das Licht und das Meer und die Wärme. Alles andere ist eine Abwandlung dieser einzigen und endlosen Worte. Alles andere hallt und hat verklumpte Geschichten auf der Zunge.
Unten die Minze. Atemplane Meer, die den Himmel über die Erde verteilt voller Endlos. Wir fahren. Das kleine Auto fliegt durch die Berge und durch die Dörfer und wir halten an, um neuen Ouzo zu kaufen und bei den Ziegen zu sitzen. Am Meer sehen wir die Insel und warten auf die Fähre, die irgendwann kommen soll. Ich rolle mich in den Sand und schlafe. Überall warm. Im Traum stehen Malven am Himmel. Hannah weckt mich mit der leeren Flasche, weil ein Leichenwagen mitkommt auf die Fähre. Als wir die Insel erreichen, warten bereits die Trauernden. Drei mal tönt das Horn der Fähre. Ein Vogel hockt sich auf das Kassenhäuschen. Der Mann im Kassenhäuschen zählt Kleingeld in seinen Beutel. Die Frauen schreien und fallen gegen den Wagen und schluchzen, die Männer klemmen die Mütze unters Kinn. Aus ihren Mündern fallen Sprichworte in die Mütze. Sie wollen die Mütze wieder aufsetzen, aber sie passt nicht mehr vor lauter ungehörter Silben. Ich stülpe den Sand aus den Hosentaschen, der warm ist und voller vergessenem Schlaf. Das Wasser ist Türkis und schwappt in den Hafen. Es gibt nur ein Dorf, das Dorf ist einzig und wie alle Dörfer. Die Menschen tragen Schwarz und kneten das Brot tief in den Himmel. Wir schwimmen in der Bucht, das Klirren der Steine unter den Füßen. Die Unterhosen trocknen wir über den Kaffeetassen, in der Kirche singt der Pfarrer von den Toten, die aus dem Leben kamen, und den Lebenden, die aus dem Tod kamen. Ein dicker alter Mann mit zerschlissenen Hosen trägt zwei Mandarinen durch den Tag. Er schenkt sie uns. Die Mandarinen sind süß und zerplatzen im Mund. Wir nehmen die letzte Fähre zurück und rollen uns in die Tiefen der Berge, die uns zuvorkommen wollen mit Nebel und den dicken Orangen. Wir sind auf der Hut. Hangaufwärts setzen wir uns zu den Ziegen und bleiben, um zu vergessen.

Unser Dorf, einige Dörfer entfernt. Jeden Tag lehrt man uns ein neues Wort. Hallo, Danke, Tisch, und schließlich: Teig. Dorf, im Brustkorb und unter den Füßen eine lange nackte Erde voll von Silbertalern und Glossen. In der Dorfmitte das Café die Taverne. Die Terrasse voll undichter Stühle und dem Zeugs aus den Zeitungen, das in den Händen zerbröselt. Wir sitzen und trinken und lesen. Über den alten, selbstgebrannten Ziegeldächern steigt der Kirchturm auf. Eine Frau schüttelt Falter aus den Bougainvilleas. Die alten Blätter fallen herunter, sie fegt die Blätter von der Veranda. Aber die Blätter wachsen nach und holen sie ein und nehmen sie und den Besen und steigen herauf ins Gemurmel der Farben. Die Frau sitzt fest und schreit nicht. Man schielt herüber und schreibt uns ein neues Wort in die Kladde: Brot.
Ab und zu fährt ein Pick-up vorbei. Hinter dem Lenkrad ein braungebranntes Gesicht. Die Ladeflächen voller Krams, solcherart festgezurrt, dass man ab und an genau jene Sachen verliert, an die man sich nicht länger als eine Stunde erinnern wird. Frischer Kaffee in warmen Tassen. Auf den Tischen stapeln sich die ungeöffnete Briefe und die Zigaretten. Dann kommen die Wolken, dann kommt der Regen, und Rauch steigt aus der Erde. Die Radios springen an, es sind glückliche Stunden, die nun unter einem Pulli verbracht werden. Hannah geht spazieren. Sie kommt wieder und sagt: Ich stand unter einem Feigenbaum. Sie sagt: Man sagt, man soll nicht unter einem Feigenbaum einschlafen, da sein Schatten zu schwer sei. So sind die, die Weisheiten des Landes, sie ziehen sich die Kappe tief ins Gesicht und schälen das Licht von den Pflaumen. Worte rasseln das Grün von den Hängen, in den Tälern schaufelt sich Sonne den Vers. Drinnen sagen die Alten, dass die Winde beginnen und die Tage enden. Aufgeplatzte Granatäpfel fließen durchs Dorf, wir wissen es, jeder weiß es. Die Alten packen sich an den Händen und schließen die Augen und tanzen auf den undichten Stühlen bis weit in den Traum. Sie erreichen Tage, deren Namen sie nicht mehr erinnern. Sie sind fort. Wir trinken und rascheln mit den Zeitungen. Der Anis kommt. Über uns Licht und die große Herberge Ja. Wir sind allein auf der Erde.

comment 0

Dennis Freischlad / / Trump the System

Es gibt zwei Tatsachen, in deren kalter Vertrautheit wir gerade die Tage veratmen und die Nächte prima durchschlafen. Die eine ist augenscheinlich und extrem unterhaltsam; die andere hingegen dämmert uns solch schweren Herzens, dass wir sie hübsch im Halbdunkel unseres Gewahrseins bewahren und sie partout nicht ans Licht schleifen wollen. Erstens: Donald Trump ist ein bigotter, unnützer und demagogischer Narzisst, dessen arme Seele vor keiner Prahlerei, die er vor aufgehetzten Anhängern bestens zu improvisieren weiß, zurück schreckt. Schön und gut. Zweitens: Am 8. November wird genau dieser Donald J. Trump zum Präsident der Vereinigten Staaten gewählt werden.

Für diejenigen, die sich diese fast schon märchenhafte Krönung eines ungeheuren Minderwertigkeitskomplexes beim besten Willen noch immer nicht vorstellen können, seien kurz die Unvorstellbarkeiten der letzten 15 Monate rekapituliert, angefangen mit dem Oscar für die beste Politkomödie, seine Kandidatur. Man rieb sich begeistert die Hände und schob das Popcorn in die Mikrowelle: Der Depp kommt die Rolltreppe runtergefahren, wird bizarres Zeug über die bizarren Lippen bringen und einen Körper-und-Geist dauersenden, dass wir alle einige Wochen lang bis ins Mark unterhalten sind. Zur Erinnerung: Dies war die Meinung aller Erdenbewohner, die nicht Donald Trump heißen. Dass der Clown es länger macht als ein paar lustige Wochen – nicht vorstellbar! Seine Ausfälle gegen Einwanderer in einem Land, dass nur aus Einwanderern besteht, gegen Mexikaner, Muslime, Frauen, John McCain, gegen republikanische Helden: nicht vorstellbar. Darauf folgend seine Siege in den Vorwahlen, fast durchgängig vom zweiten bis zum letzten, von New Hampshire bis DC. Nach jedem, und ich würde es gerne kapitalisieren, also tue ich das mal, nach JEDEM einzelnen Sieg, nach JEDEM seiner Auftritte in Funk, Print und TV: Der wird niemals Präsident! Ohne eine weitere Verhinderung der Vorstellbarkeit wird Trump auf dem Parteitag der Republikaner zum Präsidentschaftskandidaten ernannt, aber dass er jemals Präsident werden könnte, sie ahnen es: unvorstellbar. Wann wäre das einem Präsidentschaftskandidaten auch schon jemals gelungen? Und nun, angetäuscht staatsmännisch und in den Umfragen mit Hillary Clinton Kopf an Kopf liegend, darf man es getrost aussprechen: Wer noch immer glaubt, dass es einfach nicht geschehen kann, dass so ein Mensch Präsident wird und sich Vernunft und Anstand – auf die man das letzte halbe Jahr aus Höflichkeit oder dergleichen verzichtet hat – gerade in dem Moment einstellen, in dem Trump auf den unbeliebtesten Kandidaten trifft, der sich überhaupt jemals für ein Amt irgendeiner Art beworben hat: der bringt auch einen Schneeball in den Senat um zu beweisen, dass die Erderwärmung ein verdammter Schwindel ist.

Michael Moore hat kürzlich fünf plausible Gründe vorgelegt, warum Trump Präsident wird, und es gibt zahlreiche weitere Analysen mit vergleichbaren Ergebnissen. Selbst die New York Times weiß: Schafft Trump die sogenannten Swing States, also Ohio, Pennsylvania und das Jeb-Bush-Territorium Florida, ist ihm die Präsidentschaft nicht zu nehmen. Aber so weit brauchen wir überhaupt nicht zu argumentieren, denn eigentlich reichen drei simple Gründe vollkommen aus, um die letzten Zweifel an Trumps Wahlsieg zu beseitigen wie Schiffe aus der Wüste.

1

Trump musste sich nicht als Unabhängiger Kandidat aufstellen, sondern hat die fast komplette Wählerschaft der Republikaner hinter sich. Warum man für ihn stimmen wird, obwohl man nicht für ihn stimmen will, zeigt sich an einem sehr einfachen wie repräsentativen Beispiel. Noch vor den ersten Vorwahlen wurde in einer Seniorenresidenz in Florida, deren Einwohner sich allesamt unter die Republikaner zählen, eine Umfrage über die damals noch zahllosen Kandidaten durchgeführt. Nur durchschnittlich ein Wähler aus zehn sympathisierte mit Trump – die restlichen 90% verachteten ihn als großmäulig, unchristlich, unsympathisch und charakterlich vollkommen inakzeptabel. Keiner dieser 90% hat Trump in den Vorwahlen gewählt. Auf die Frage aber, wen sie unterstützen würden, falls Trump als Kandidat der Republikaner gegen die noch weniger wertgeschätzten Demokraten antreten würde, schlugen sie sich im Angesicht des nimmermüden Parteienkampfes nicht auf die Seite des richtigen Kandidaten, sondern ausnahmslos und selbstverständlich auf die Seite der richtigen Partei. Niemals einen Demokraten! In jedem Fall immer einen Republikaner!

Heute wissen wir: Deren Kandidat heißt Donald Trump.

2

Trump ist omnipräsent. Niemand hat die Medien so gut verstanden wie er, niemand weiß sich besser darzustellen und die nach Skandalen, Spektakel und Shitstorms gierende Medienlandschaft treffsicherer zu bedienen. Tagtäglich beginnen die Nachrichten und die Late-Shows mit ihm. Bad publicity is better than no publicity. Sein Gespür für die Quote ist phänomenal. Trump ist ein sensationeller Polemiker, der ziemlich genau den Puls einer hoffnungslos verängstigen Bevölkerung fühlt, und sogleich Künstler der Massenmanipulation. I have heard. People told me. People are saying. I got so many emails. It’s happening, everyone is saying it. Durch die unendlichen Wiederholungen von Behauptungen schafft er (gekonnt nach dem Goebbels’schen Prinzip, das eine permanente Wiederholungen letztlich einem Beweis gleichkommt) endliche Fakten: Wichtig ist dabei nicht, ob das Rausgeschriene nun wahr oder eine Lüge ist. Trump ist es egal, was genau er sagt. Wichtig und entscheidend ist ihm stets das, was er damit meint.  Wenn er z.B. aufgrund zahlreicher Illigalitäten seiner Fake-University vor Gericht einiges zu befürchten hat, erwähnt er einfach, dass der Richter mit dem Namen Gonzalo Curiel höchstwahrscheinlich Mexikaner sei. Meint: Man lebt in einem korrupten System und will sich an Trump rächen, der als starker Mann in diesem von illegalen Einwanderern verseuchten Land Recht und Ordnung schaffen will. Wenn die Eltern eines aus Pakistan stammenden US-Soldaten, der im Krieg gefallen ist, Trump vorwerfen, die Verfassung nicht zu kennen und Soldaten und Veteranen nicht zu achten, erwähnt er einfach, dass die Mutter des getöteten Soldaten, schweigend und trauernd an der Seite ihres Mannes, wohl nichts hatte sagen dürfen. Meint: Wir müssen uns hüten vor fremden und freiheitsverachtenden Kulturen, die nicht unsere Werte besitzen.

Im Celibrity-geilem Amerika weiß der Reality-Star, dass es primär um den Nimbus geht, der von der (in seinem Fall orangenen) Stirn eines Menschen strahlt. In Zeiten, in denen Politikverdrossenheit der Status Quo demokratischer Souveränität geworden ist und der Kampf nicht mehr zwischen linken und rechten Lagern, sondern zwischen liberalen und autoritären Fronten stattfindet, verkauft sich Trump als Outsider und starker Mann. Die Wähler gieren fasziniert nach dieser Person, die die gewohnte politische Rhetorik wunderbar in den Ozeanen versenkt und seine Mitbewerber aufs allerschönste beleidigt, weil er so frei ist, das zu tun. Ob dann wirklich eine Grenzmauer gebaut wird und der Staat Mexiko dafür bezahlt, ist dann bereits so unerheblich wie die Wahrheit geworden.

3

Trevor Noah hat kürzlich in der Daily Show auf diese Einzigartigkeit hingewiesen: Zum ersten Mal in der Geschichte haben beide Parteien den einzigen Kandidaten nominiert, der überhaupt in der Lage wäre, gegen den Gegenkandidaten zu verlieren. Hillary Clinton hat nur eine Chance, weil sie Trump als Gegner hat. Trump hat nur eine Chance, weil seine Gegnerin Hillary Clinton heißt. Ich habe bis zur Fertigstellung dieses Artikels einen Tag lang versucht, in der deutschen Medien und Politikwelt einen passenden Vergleich zu finden. Es ist mir trotz Personen wie Markus Söder, Angela Merkel oder Frauke Petry nicht annähernd gelungen.

Nicht erst seit der Finanzkrise oder Handelsabkommen wie TTIP hat auch der letzte Bürger bemerkt, dass alles, was unter der Fabelsumme Demokratie läuft, in Wirklichkeit nackte Plutokratie und Oligarchie ist. Immer verliert der Wähler gegen den Lobbyismus deren, die dem Kongress die Gesetze gewinngerecht vorlegen. Schon lange haben die Amerikaner beider Lager das Gefühl, das etwas Grundlegendes verkehrt läuft. Wie betäubt schaut man dem offenkundigen Treiben zu, welches eine für die Finanzelite des Landes korrumpierte Politik als beste Option für alle verkauft, und wie in den meisten westlichen Demokratien sehnen sich die Menschen nach einer Veränderung des politischen Systems oder zumindest nach dem Sturz der alten Herrscherklasse. Und hier kommt Trumps größte Trumpfkarte, die ihm von den Demokraten so generös zugesteckt worden ist. Hillary Clinton, Symbol dieser bürgerfremden Polit-Elite, die Washington-Insiderin, diejenige, die wie fast keine andere für die Korruption und Falschheit einer politischen Ära steht, die niemand mehr möchte, die wie keine andere ihre Position den Umfragewerten anpasst und der Lächeln und Winken nur Mittel zur Macht sind. 60% der Amerikaner halten sie für unsympathisch und für eine Lügnerin. Clinton bildet so viele Angriffsflächen wie all die Blätter, die Trump nicht vor den Mund nehmen wird, wenn sich die beiden bald in den TV-Duellen gegenüber stehen. Gloves off, wie die Amerikaner so schön sagen: man fiebert diesen „Debatten“ zu wie Gladiatorenspiele, bei denen man weiß, dass es Blut und Tote geben wird, eine große Show, in der es vor allem nicht um Politik gehen wird. Trump hat bereits vor Millionen von Zuschauern über sein bestes Mannesstück gesprochen, Mineralwasser herumgespritzt und behauptet, es sei der Schweiß seines Konkurrenten Marco Rubio, Trump hat Moderatoren beleidigt und seine Gegner wie der Stärkste auf dem Pausenhof vollkommen und unaufhaltsam demoralisiert. Trumps Spitznamen für seine Gegner sind jetzt schon legendär. Er wiederholt sie mit einer Konstanz und Unermüdlichkeit, dass sie vom Charakter des- oder derjenigen nie wieder reinzuwaschen sind. Low Energy Jeb Bush. Lying Ted (Cruz), Failed Mitt Romney usw usf. Und nun, so entertaining wie korrekt: Crooked Hillary, in letzter Zeit vermehrt auch Lying Hillary und natürlich, nach ihren zur Schau gestellten körperlichen Gebrechen: Illary.

Und was macht Clinton, während Trump mit so viel Dreck schmeißt, das genug hängenbleibt?Akribisch arbeitet sie an dem Stoff für die Debatten und scharrt die bester Redner um sich, um von ihnen zu lernen. Sie ist ihrem Gegner an Wissen, politischer Erfahrung und Intelligenz um Welten überlegen, und all das wird ihr nichts nützen. Trump wird sie mit Crooked-Hillary-Sprüchen überziehen, bis nur noch diese zwei Worte mantrisch in den Ohren der Zuschauer wieder- und wiederklingen. Das Publikum, mit den obligatorischen „Trump that Bitch“ Shirts bestückt, wird johlen und kreischen und fordern, dass man sie endlich für ihre Verbrechen gegen Amerika (Benghazi, private E-Mail-Server, Käuflichkeit etc.) in den Knast steckt. Lock her up, hieß es aus den kehlen Tausender auf dem republikanischen Parteitag. Ein Wunder, wenn Trump diese Forderung in Zukunft unerwähnt ließe. Zudem können sicher sein, dass Trump ebenfalls nicht unerwähnt lassen wird, dass eine Frau, die offensichtlich noch nicht mal ihren Mann befriedigen kann, auch nicht jene Stärke und Greatness zu eigen hat, die eine gefühlt im Kriegszustand stehende Nation von ihrem Commander-in-Chief benötigt. Wenn ich mich in ihn hineinversetze, flögen folgende Worte aus meinem Mund: „Ich würde eher Monica Lewinsky zum Präsidenten wählen, das ist eine starke Frau! Immerhin weiß sie, wie man einen Job gut macht.“ Auch wird er seine eigene Macht über Hillary durch die Geldspende erwähnen, die er ihr hat zukommen lassen, damit sie und ihr Mann auf seiner Hochzeit auftauchen und ihm brav die Hand schütteln. Und ja, es ist wirklich so: Wenn er sie als Fat-Ass-Crooked Hillary bezeichnen würde, ihrem Aussehen höchsten eine drei aus möglichen zehn gönnen würde, dann wird ihm das Wählerstimmen einbringen und keine Antwort Hillarys, möge sie noch so profund, witzig oder weise sein, könnte das Ruder herum reißen. Trump wird die Debatten klar gewinnen und Hillary bloßstellen. Ihre Chance ist schon vertan, denn alles Missbilligende, was sie über ihn sagen könnte, ist bereits gesagt worden – und zwar von Trump selbst. Jedes Wort, mit dem er sich selbst als Hochstapler, Lügner oder gefährlicher Rassist entlarven könnte, ist ihm schon über die Lippen gegangen und zu Millionen Wählerstimmen verpufft. Alles hingegen, was er noch über sie posaunen könnte und wird, wird sie immer weiter diffamieren, diskreditieren und im Endeffekt vernichten.

Trinken wir eine Flasche Rotwein und sehen es ein: Trump, der in den letzten Tagen den Abstand zu Hillary immer wieder verringerte und in einigen Umfragen sogar führt, wird also Präsident, weil die Leute den Charakter wollen, der sie mehr beindruckt, und keinerlei vertrauen mehr in die Politik besitzen, die Hillary Clinton sie wie kein zweiter Erdenmensch repräsentiert. Die Untergangsrhetorik und die Reden von der Abschaffung Amerikas durch einen kenyanischen Muslim und seine PC-Schergen, die die Republikaner und Fox-Moderatoren seit acht Jahren unaufhörlich verlautbaren, hat also genau jene Frucht hervorgebracht, die so vergiftet ist wie der Baum, an dem sie wachsen und gedeihen konnte. Laut dem FBI ist die Kriminalität in den letzten Jahren stetig zurückgegangen, doch noch nie hatten die Menschen so viel Angst. In einem Land, das sich von einer seiner schlimmsten Rezession unter Obama stetig erholt hat, in dem die Arbeitslosenzahl sinkt und die Wirtschaft wieder floriert, hat man das Gefühl, der Weltuntergang sei so nahe wie die heiße Luft in den Furchen des Gehirns. Und so reagiert das nie vernünftige Amerika auf ein Gefühl, auch wenn man weiß, dass es trügt. Newt Gingrich hat kürzlich vor laufender Kamera das Entscheidende gesagt, indem er immer wieder betonte, dass sein Gefühl wahrer ist als ein Fakt, dass seine unbegründete Meinung mehr Gültigkeit besitzt als ein Beweis. Ja, ein Politiker kann heutzutage so etwas sagen und seine Karriere fortsetzen, und ja, dies ist der Grund, warum Trumps Aufstieg unaufhaltsam ist.

Trinken wir eine zweite Flasche Rotwein und bemerken: Da die Menschheit schon immer Katastrophen gebraucht hat, um sich weiter zu entwickeln und progressiven Ideen neuen Platz zu schaffen, ist ein Präsident Trump nur auf dem schalen Blick desaströs. Der Untergang ist seit jeher bester Treibstoff für all die Veränderungen, die auf ihn folgen. Erst wenn wir krank sind, setzen wir uns mit einer Heilung auseinander. Erst wenn in einer Erdbebenregion in Italien ein Erdbeben ganze Dörfer vernichtet, baut man erdbebensicher. Erst wenn uns das Wasser bis zum Hals steht, werden wir den Klimawandel erstnehmen. Erst wenn Europa durch zwei Weltkriege durchmuss, weiß man anschließend, dass Nie wieder Krieg vielleicht sinnvoller ist als Hass und Gewalt. Die Evolution arbeitet zyklisch. Eine bleibende Verbesserung zeichnet sich offenkundig nur durch die aufeinanderfolgenden Stadien von Krieg und Frieden aus. Damit sich das Leben weiter entwickelt, ist es auf den Tod angewiesen, und um ein falsches Gefühl loszuwerden, muss es sich unter allen Umständen als falsch beweisen.

Ein Wahlverlierer Trump wäre der Schrecken ohne Ende. In welche Bereiche wird sich all der Hass, all die vergiftete Stimmung ausbreiten, wenn Trumps Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt ist? Die Gewalt gegen Minderheiten und die sowieso stetig voranschreitende Spaltung der amerikanischen Gesellschaft würden exorbitant zunehmen, Hass und Ignoranz würden bestehen bleiben und – durch Misserfolg gedemütigt – noch radikalerer Züge annehmen. Die Wähler würden noch mehr das Gefühl haben, nicht gehört und hintergangen zu werden. Nein, nur ein Präsident Trump kann beweisen, dass er eben doch keine so gute Wahl war. Wenn er den Karren nicht gegen die Wand fährt – und das ist sicher: er wird ihn gegen die Wand fahren – wird niemand spüren, was für ein gottverdammter Fehler begangen wurde. Learning by failing. Die Wahl Trumps als notwendiger Schritt zu Frieden und Gerechtigkeit. Schon Nietzsche wusste, dass das Merkmal der Wahrheit ihre Grausamkeit ist. Trinken wir also ein großes Glas Wasser uns sehen es ein: Würde der Mensch ewigen Frieden aushalten, wäre er ein Engel und kein Mensch.

 

 

 

 

 

 

 

comment 0

BAD NEWS ONE

bad.news.one.2015-2016.00 bad.news.one.2015-2016.01 bad.news.one.2015-2016.02 bad.news.one.2015-2016.03 bad.news.one.2015-2016.04

crow hand

Manche Kleider
sind Bilder, die aus der Fläche in den Raum
hin zu warmen Körpern drängen, um an ihnen Haut zu werden, Ich zu werden, Du zu werden,
laut zu werden,
auszusprechen,
wie ich leise Du
werde, wenn ich eine Haut
über meinen kalten Leib streife
und auf die Wand ein neuer Schatten fällt.

__________________

Unter dem Motto „With Our Eyes Turned to the Past, We Walk Backwards into the Future” feiert das Hamburger Modegeschäft bluesleeve sein einjähriges Bestehen. Von Anfang an diente die Ladenfläche in der Marktstraße 100 nicht bloß der Präsentation von Kollektionen japanischer Designer wie Yohji Yamamoto, Rei Kawakubo und Issey Miyake, sondern auch als Ausstellungsraum für junge Künstler.
Durch die Juxtaposition von Bildern und ausgewählten Textilien stellen bluesleeve gezielt die Grenzen zwischen Kunst und Mode infrage. Die Kleider erscheinen als bewegliche Kunstwerke, die Verwandlung durch den Akt des Umkleidens als Performance.
Die Ausstellung im ELEKTROHAUS wirft nun einen Blick zurück auf sämtliche Künstler und Künstlerinnen, die das Modegeschäft im ersten Jahr seines Bestehens begleiteten. Im Nebeneinander von Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Grafik, Illustration und Architektur findet die Diskussion um die Grenzen der Kunst ihre Fortsetzung.

_______________

Teilnehmende Künstler:
Caroline Löbbert
Yoojin Chang
Felix Demmer
Asana Fujikawa
Béla Pablo Janssen
Kawahara-Krause Architects
Julian Mader
Yuzo Ueno
Amriz  Jantan
Sascha Sebastian Hohn aka Block Barley

Vernissage: Samstag, 27. Februar ab 20 Uhr
http://fb.com/events/585838068259445/

comment 0

DOUBLE-RELEASE in Hamburg

Am Dienstag, der 15. December findet in Hamburg einen Double Release statt: 

_________________________________________________

www.hartikel.de        und          www.kunstgespraeche.com

_________________________________________________

   DIENSTAG – 15.12.2015 – 20:00 Uhr 

    im CENTRAL CONGRESS Steinstraße 5-7, Hamburg 

Musik von DIALOG MIT DER JUGEND

https://www.facebook.com/events/463926140481848/

double_release

comment 0

Lene Vollhardt, Be careful what you wish for

Laufzeit: 28.11.5 – 8.1.16

lene_vollhardt_be-careful-what-you-wish-for_07

lene_vollhardt_be-careful-what-you-wish-for_06

lene_vollhardt_be-careful-what-you-wish-for_05

lene_vollhardt_be-careful-what-you-wish-for_04

lene_vollhardt_be-careful-what-you-wish-for_03

lene_vollhardt_be-careful-what-you-wish-for_02

lene_vollhardt_be-careful-what-you-wish-for_01
Text zur Ausstellung:

Aluminium Grace ist der prothetische, flexible Mensch, welcher der Gegenstand der Installation Be careful what you wish for ist. Sie zeigt eine Auseinandersetzung mit der weiblichen Ikone Grace Kelly, welche in den 50er Jahren – der Blütezeit des Fordismus- das mediale Bild des It-Girls prägte, und setzt sie den Anfangspunkt einer relativen Chronologie der Prozesse von Identität und weiblicher Lohnarbeit.  In der heutigen Zeit erreichen die Informationen von Ikonen und sich wandelnde Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt einen Null-Punkt, in dem alles vereinbar erscheint: Privates und Arbeit, Sex und Geld, Individualität und serielle Adaption.

Die Panik davor, vom Kosmos isoliert zu sein, macht uns süchtig nach Kontakt, und führt dazu, das „globalisierte Ich“ ständig zu re-adjustieren, und auf die Angebote zu reagieren, die uns die Warenwelt tagtäglich liefert.

„ Das Junge Mädchen lebt schlichtweg wie ein Fremder zu ihren eigenen Sehnsüchten, welches von der Ware des Super-Ego kohärent reguliert wird. Die Langeweile der Abstraktion fliesst frei in diese verdammte Situation.“

– Tiqqun

„ … Zumindest verstehe ich das unaufgelöste Dilemma als etwas körperliches; oder vielmehr als ein sozio-physisches Phänomen, das das junge Mädchen in eine Zwangskontradiktion zum jungen Jungen setzt. Das Unverständnis der eigenen Lust gegenüber und die historische Stigmatisierung der sexuellen Befriedigung als solches, führt meiner Meinung nach zu einem Ungleichgewicht zwischen den männlichen und weiblichen Begierden und Süchten.“

– Vincent Schneider

Tracy: Do you like my dress?
Uncle Willie: Oh yes, it’s quite beautiful.
Tracy: It’s awfully heavy.

(Grace Kelly in „High Society)