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Dennis Freischlad / Hundert Jahre Griechenland

Links erreicht uns das Meer, rechts dauern die Felsen; dahinter nur Wahrsagen von anderer Sprache. Ein großer Atem schluckt Licht in die Reben. Sonnen flügeln den Berg. Alles weiß, ist sich zur Kenntnis gegraben frühlings- und sommerlang, alles besitzt: der Stein den Sand und Wasser das Schweigen.
Wir kommen an. Seit Tagen keine Zeit ohne Ende. Ein kleines Auto schnürt die Stunden in die Rundungen von Ocker und Grün, verpackt die Erde und wirft sie unter den Himmel. Wir kommen durch ein Dorf, nur von schlafenden Katzen bewohnt, wir kommen durch ein Dorf, in dem die Hände taub sind vor Sonne, wir kommen durch ein Dorf und durch hundert Dörfer, die alle eins sind und überall – wir zählen sie nicht. Alte Männer, ein ganzes Jahrhundert Wetter in den Gesichtern gelagert, schnipsen Papierkugeln von den Tischen. Halbe Ohren, trübe Augen, ihre Kraft verzimmert in ein Haus aus Knochen. Sie halten sich zusammen mit selbstgemachten Witzen, die die Frauen aufhorchen lassen in diesem letzten Stück Leben, endloser Raum des Wartens, nur bewohnt von uralten Worten und Mokka. Das Sehen und Hören und das Wissen schon lange. Das Bleiben. Dorf, überall, den Himmel voll Trauben und schon längst nicht mehr durstig.
Silberteppich dort, wo die Olivenhaine ins Tal rollen, und weiße Falter in Büschen. Fenchelbaum, Sesam, Narzisse. Knospenweiche Kapseln, in denen Lilien trinken und der Zinnober platzt. Die Sonne schmeckt weiß, die Luft tauscht Blüten gegen klarbare Lippen. Nur Orangen drängen dick und üppig und leuchtend in die Landschaft, alles andere ist Beweis jener Zartheit, die auch an den Augen der Menschen ihre Feingemahlenes hellt. Es geht schlichtweg nicht anders: Was hier der Trockenheit und dem Erdstein Leben abgewinnen will, muss den feinen Schnitt dieses ewigen Landes in sich ruhen haben, der Jahrhunderttausende Wind und Meer. Nichts ist unbedacht und kein Halm, anderer Erde Wahrheit, zu leichtsinnig aus Ton und Eisen hinauf zu Sonne und warmen Nächsten gewachsen. Nur ein Gott nährt jene Sorgfalt, die solcherlei Sein ins Wachsende, ins wolkenwärts Werdende blüht und weiter nichts will. Kraut und Strauch und Blum als hauchzarter Geschmack, der sich zwischen Erde und Sonne legt wie eine große Leidenschaft, von der jeder weiß, der ist. Vollendeter Thymian, breiter Muskat, alchemistischer Salbei. Licht im Rosmarin, das man Blütsam nennt und Dorn. Da liegen sie also, die mannignackten Augen der Göttin, die sich den Koriander aus der Brust treibt und sich Wasser ruft unaufhörlich. Pantheon: Was hier Lebstoff ist und Wuchs, hat alles verdient.

Camus schrieb, Europa brauche mehr von dieser das Dunkle maßregelten Mittelmeerphilosophie, mehr von weichem Wein und warmen Meereswind, der jeder Stirn ein bleibendes Gebet spricht. Die Elemente kennen das Tier und wissen den Menschen. Wer will hier nicht Alles lieben, umringt von Brüdern und Schwestern, deren Namen in allen Dingen der eigene ist?
Alles kennt, alles besitzt. Mit den Händen, die man den ganzen Tag tief in den Körpern des Felsens, im Meeresblau und in der Erde hatte, greift man Abends das Brot und verteilt es über den Tischen. Das Brot weicht den Wein, das Brot legt sich in den Mund wie Schlaf, das Brot hat Lieder alle, das Brot ist aus den Worten der Menschen. Die Menschen verteilen das Brot über den Tischen und singen und sagen, das Brot kenne den Herzhof und der Wein gebe reichlich. Die Köchin mit riesigen Händen und dem großen Lachen der Berge. Auf ihrer Schulter sitzt eine Fliege. Auf ihrer anderen Schulter wächst Pfeffer. Der Raum klingt. Wir sitzen im Inneren eines Weinfasses, sagt Hannah. Die Köchin verjagt die Katzen und schneidet Zucchini, am Holz klebt die Butter und fließt in die Kehle. Wir trinken und essen und wachen herauf zu Wolk und Holunder, die der Wind herbeispricht.
Keine Telefone, keine Wochentage. Wenn wir irgendwo die Uhrzeit sehen, bezweifeln wir sie. Es wird schon nicht jene sein, die wir empfinden. Die Katzen sitzen stumm und schön unter dem Tisch und warten auf Krumen. Wenn die Köchin die Messer schleift und leise rülpst, ist der Abend endgültig aus dem Meer gestiegen. Umarmung, ein Kuss, sie fährt über die Flecken ihrer Schürze und geht Wunschbrunnen trinken. An der Klostermauer fließt ein alter Bach in ihre Beine und bringt ihr den Schlaf. Morgen wird sie berichten.
Der Weg zu unserem Haus hat dunkle Flecken von zertretenen Oliven. Der Wein ist leer aber wir machen ihn voll. Ein Losverkäufer geht die Landstraße entlang und klaubt sich Tabak aus den Taschen. Die Sonne stürzt weit hinter den Hügel und macht die Nacht auf. Wir sitzen auf dem Balkon, der zum Meer geht, und hören das Meer. Wir sitzen auf dem Balkon, der zum Felsen hinaufgeht, und stopfen uns Monde in den Mund. Hannah sagt, der Fels habe eine Kraft, die mehr ist als Erde. Die Milchstraße schwankt und springt uns über die Lippen. Wir haben keine Wahl und lachen über uns: Kleine bewegliche Gegenstände der Landschaft, des bebilderten Äons unserer Augen, die nach Schnaps greifen und behaupten, man könne ewig so weitermachen. Wir lachen, aber die Sterne decken uns zu.

Ich wiederhole: Erde, Luft, Stein, Salz. Ich schreibe: Der Morgen und das Licht und das Meer und die Wärme. Alles andere ist eine Abwandlung dieser einzigen und endlosen Worte. Alles andere hallt und hat verklumpte Geschichten auf der Zunge.
Unten die Minze. Atemplane Meer, die den Himmel über die Erde verteilt voller Endlos. Wir fahren. Das kleine Auto fliegt durch die Berge und durch die Dörfer und wir halten an, um neuen Ouzo zu kaufen und bei den Ziegen zu sitzen. Am Meer sehen wir die Insel und warten auf die Fähre, die irgendwann kommen soll. Ich rolle mich in den Sand und schlafe. Überall warm. Im Traum stehen Malven am Himmel. Hannah weckt mich mit der leeren Flasche, weil ein Leichenwagen mitkommt auf die Fähre. Als wir die Insel erreichen, warten bereits die Trauernden. Drei mal tönt das Horn der Fähre. Ein Vogel hockt sich auf das Kassenhäuschen. Der Mann im Kassenhäuschen zählt Kleingeld in seinen Beutel. Die Frauen schreien und fallen gegen den Wagen und schluchzen, die Männer klemmen die Mütze unters Kinn. Aus ihren Mündern fallen Sprichworte in die Mütze. Sie wollen die Mütze wieder aufsetzen, aber sie passt nicht mehr vor lauter ungehörter Silben. Ich stülpe den Sand aus den Hosentaschen, der warm ist und voller vergessenem Schlaf. Das Wasser ist Türkis und schwappt in den Hafen. Es gibt nur ein Dorf, das Dorf ist einzig und wie alle Dörfer. Die Menschen tragen Schwarz und kneten das Brot tief in den Himmel. Wir schwimmen in der Bucht, das Klirren der Steine unter den Füßen. Die Unterhosen trocknen wir über den Kaffeetassen, in der Kirche singt der Pfarrer von den Toten, die aus dem Leben kamen, und den Lebenden, die aus dem Tod kamen. Ein dicker alter Mann mit zerschlissenen Hosen trägt zwei Mandarinen durch den Tag. Er schenkt sie uns. Die Mandarinen sind süß und zerplatzen im Mund. Wir nehmen die letzte Fähre zurück und rollen uns in die Tiefen der Berge, die uns zuvorkommen wollen mit Nebel und den dicken Orangen. Wir sind auf der Hut. Hangaufwärts setzen wir uns zu den Ziegen und bleiben, um zu vergessen.

Unser Dorf, einige Dörfer entfernt. Jeden Tag lehrt man uns ein neues Wort. Hallo, Danke, Tisch, und schließlich: Teig. Dorf, im Brustkorb und unter den Füßen eine lange nackte Erde voll von Silbertalern und Glossen. In der Dorfmitte das Café die Taverne. Die Terrasse voll undichter Stühle und dem Zeugs aus den Zeitungen, das in den Händen zerbröselt. Wir sitzen und trinken und lesen. Über den alten, selbstgebrannten Ziegeldächern steigt der Kirchturm auf. Eine Frau schüttelt Falter aus den Bougainvilleas. Die alten Blätter fallen herunter, sie fegt die Blätter von der Veranda. Aber die Blätter wachsen nach und holen sie ein und nehmen sie und den Besen und steigen herauf ins Gemurmel der Farben. Die Frau sitzt fest und schreit nicht. Man schielt herüber und schreibt uns ein neues Wort in die Kladde: Brot.
Ab und zu fährt ein Pick-up vorbei. Hinter dem Lenkrad ein braungebranntes Gesicht. Die Ladeflächen voller Krams, solcherart festgezurrt, dass man ab und an genau jene Sachen verliert, an die man sich nicht länger als eine Stunde erinnern wird. Frischer Kaffee in warmen Tassen. Auf den Tischen stapeln sich die ungeöffnete Briefe und die Zigaretten. Dann kommen die Wolken, dann kommt der Regen, und Rauch steigt aus der Erde. Die Radios springen an, es sind glückliche Stunden, die nun unter einem Pulli verbracht werden. Hannah geht spazieren. Sie kommt wieder und sagt: Ich stand unter einem Feigenbaum. Sie sagt: Man sagt, man soll nicht unter einem Feigenbaum einschlafen, da sein Schatten zu schwer sei. So sind die, die Weisheiten des Landes, sie ziehen sich die Kappe tief ins Gesicht und schälen das Licht von den Pflaumen. Worte rasseln das Grün von den Hängen, in den Tälern schaufelt sich Sonne den Vers. Drinnen sagen die Alten, dass die Winde beginnen und die Tage enden. Aufgeplatzte Granatäpfel fließen durchs Dorf, wir wissen es, jeder weiß es. Die Alten packen sich an den Händen und schließen die Augen und tanzen auf den undichten Stühlen bis weit in den Traum. Sie erreichen Tage, deren Namen sie nicht mehr erinnern. Sie sind fort. Wir trinken und rascheln mit den Zeitungen. Der Anis kommt. Über uns Licht und die große Herberge Ja. Wir sind allein auf der Erde.

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