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Vom Gewissen der Moral / Preview (Intro only) / by Dennis Freischlad

Das weiße Privilegien-Patriarchat, toxische Maskulinität, Cisgender Sexismus, Transgenderphobia oder die Geburt der LGBTQQIP2SAA – Gemeinschaft. Wie die autoritäre Linke durch tragische Naivität dabei ist, den notwendigen Kampf gegen den rechten Faschismus zu verlieren. Und was jeder Europäer nun dringend tun muss, um zu Besonnenheit, Faktizität und aufrichtiger linker Politik zurück zu finden.

  1. In Zeiten des Chaos
  2. Marxismus und Postmoderne
  3. Der König ist nackt
  4. Revolutionäre ohne Revolution
  5. Das göttliche Individuum

1.

In Zeiten des Chaos

Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt, in der es bereits eine ungute Weile mit dem Teufel zugeht. In politisch instabilen und chaotischen Zeiten ist es seit jeher leicht zu beobachten, wie schnell sich Vernunft, nuanciertes Denken und die bewährten Axiome demokratischer Debattenkultur verabschieden, um Platz zu schaffen für ideologisches Geplärr aus den linken und rechten Randspektren, die alsdann über Gebühr Zulauf erhalten. Das kollektive Gedächtnis ist stets leise bis hin zur Sprachlosigkeit, während sich die Gesundheit individueller Ignoranz jeden Tag aufs Neue zu verlautbaren weiß. So erinnert man sich im gegenwärtigen Lärm einer Gesellschaft, die an etlichen entscheidenden Stellen chronisch zu erkranken droht, kaum mehr der Lehren, die das 20. Jahrhundert Europa und der Welt mit auf den Weg gegeben hat. Dass namentlich die Identitätspolitik der rechten und linken Faschisten in kaum sagbaren Katastrophen endete, ist bei jenen längst vergessene Sache, die heute erneut eine radikal-exklusive rechte Politik aufstellen, oder, auf der gegenüberliegenden Seite, eine ebenso folgenschwere Gleichmachungskampagne betreiben, die leider so wenig mit der angepriesenen Gerechtigkeit zu tun hat, dass sie sogar die Propagandaministerien der alten Sowjetstaaten angenehm überrascht hätte.
Da inhaltliche Stumpfheit bereits in den Auftritten rotzmäuliger Populisten zu identifizieren ist, wenn sich eine unansehnliche Fratze nach der anderen wutschnaufend auf jene biernassen Rednerbühnen hievt, von denen dem Volke endlich wieder einmal das Wesen desselben erklärt wird, ist die Hässlichkeit der extremen rechten Gesinnung allerorts leicht zu dechiffrieren. Etwas komplizierter verhält es sich mit dem autoritären Teil der Linksgenossen, die ein immenses Maß an Verachtung in einen Mantel aus netten Worten zu kleiden wissen und tatsächlich kein Problem darin erkennen, unter dem Dogma verschwommen wahrgenommenen Mitgefühls eine totalitäre Gesellschaft zu erzwingen.
Da Hass und Gewalt bei den Rechten offener zum Vorschein kommen und direkter angewandt werden, ist es leicht zu vergessen, wie wenig sie sich von jener Couleur unterscheiden, mit denen pathologische Linke ihren Gegner nachstellen. Es handelt sich um eine Gefahr, der wir uns aus zwei eng miteinander verknüpften Gründen dringend Gewahr werden müssen.

Die Art und Weise, wie die derzeitige Linke – vollkommen eingenommen und überrollt von ihren extremen Hardlinern, die man heute unter dem schlechten Begriff der Social Justice Warriors (SJW), der Gerechtigkeitskrieger subsummiert – ihre Anliegen vorträgt, wird gerade nicht dazu führen, dass sich die Menschen jeder Hautfarbe, jeden Geschlechts und jeder sexuellen Orientierung unter einer endlosen Sonne verbrüdern und verschwistern, wie es die Weltgeschichte durch eine langsame aber stetige Evolution vorgesehen hat.
Im Gegenteil. Sie wird durch ihren hegemonialen, identitätspolitischen Kurs mehr Grenzen, Gruppen und Unterschiede herausarbeiten, anstatt Grenzen und Gruppendenken im Hinblick auf unsere wesentlichen Gemeinsamkeiten/gemeinsamen Wesentlichkeiten zu überwinden; sie ist gerade dabei, unter der altbackenen marxistischen Prämisse der Macht und deren institutionellen Strukturen, die sich in der Vergangenheit ausnahmslos und mehr als deutlich als so falsch wie mörderisch erwiesen hat, einen erneuten Klassenkampf zu verlieren; sie wird immer durch ihr „Ideal“ eines diskriminierenden Herrschers, den es zu stürzen gilt, mehr Lügen als Wahrheiten in Kauf nehmen müssen und so die Menschen immerzu trennen, anstatt sie endlich zu einen; ihre Denunzierungskampagnen werden mehr zwischenmenschlichen Schaden anrichten als Nutzen, ihre Irrationalität wird kein schönes, wahres oder hohes Gefühl freilegen und ihre kindische Furcht, auch unangenehmen Wahrheiten ins Auge blicken zu müssen, die Heuchelei – hermaphroditisch verwachsen mit dem holden Blütenstaub der Naivität – landauf und landab nur noch vergrößern.
Es ist kaum zu begreifen: In Deutschland brennen wieder Asylbewerberheime! – und eine Gesellschaft der politischen Mitte ist nicht in der Lage, einen Nährboden für substanzielle Gegenwehr zu schaffen, der etwas anderes als hyperbolische Floskeln und nutzlose Beleidigungen hervorbringt; sie generiert kein Mittel, dass von den nicht-extremen Bürgern erkannt und unterstützt wird, keine allgemeingültigen, jeden Menschen berührende Offensichtlichkeiten, durch die man dem aufwallenden rechten Dummsinn wirksam entgegentreten kann. Stattdessen wenden sich die Menschen ab, kopfschüttelnd und frustriert. Warum? Das derzeitige regressive Unterfangen, das man überlaut als liberal-progressiv verkaufen will, hat einen immensen Anteil daran, dass sich besonnene Linke von den eigenen Genossen entfernen, die politische und gesellschaftliche Mitte stramm nach Rechts rückt und die Rechten mehr als genug Material haben, ihre Feindseligkeit zu zementieren und in ihrem ideologischen Dunkelbau hausen zu bleiben, da von der anderen Seite einfach kein Licht scheinen will.
Aber warum genau? Wie genau kommt es dazu, dass ganze Landstriche in Deutschland oder Frankreich, die früher die Sozialisten gewählt haben, heute die plump-nationalistischen Schreihälse auf dem Stimmzettel haben? Wie ist in der Gesellschaft ein Klima des pathologischen Moralisierens entstanden, das erwachsene Menschen wie kleine Kinder behandelt und – Spiegelbild schlimmster autoritärer Regimes – immerzu kontrollieren will, wie und was Menschen denken und sprechen dürfen? Wie kann es sein, dass in Zeiten, in der die Menschen die verachtenswerte Gaunerei der Banken und der Finanzmärkte, die Macht von Großkonzernen und die Globalisierung Sorgen machen, wie kann es da ein, dass sie allen Ernstes belehrt werden, warum in einer auf dem Patriarchat fußenden Gesellschaft ein Kompliment einer Vergewaltigung gleich kommt und warum die politische Korrektheit auch völlig ohne Korrektheit angewandt werden darf, solange sie den Mitmenschen nur genug Tugend signalisiert? Wie kommt es, dass nicht mehr die falsche Bewertung der Unterschiede zwischen Kulturen und Geschlechtern auf dem Prüfstein steht, sondern die Unterschiede selbst? Warum werden aktuelle zeitgenössische Themen, mit denen sich die Gesellschaft notwendigerweise beschäftigen muss, so behandelt, als seien sie seit Ur- und Unzeiten unterdrückt worden? Wie kommt es, dass sich die Linke (einstmals Verfechter von erkenntnisorientiertem Dialog und wissenschaftlicher Empirie) aufs selbe postfaktische Niveau wie die Rechten herunterlässt, wenn sich die eigenen Empfindlichkeiten nicht mit alternativlosen Fakten untermauern lassen? Warum beherrschen nicht Cum-Ex Geschäfte, Waffenhandel und vom Westen initiierte Angriffskriege die Schlagzeilen, sondern herz- und vernunftlos geführte Identitätsdebatten, welche alle auszumachenden Gruppierungen gegeneinander ausspielen und dadurch unser größtes gesellschaftliches Gut vernichten, eine durch dunkle Jahrhunderte gewonnene Erkenntnis, die es überhaupt erst ermöglicht, dass wir uns in aller nur erdenklichen Unterschiedlichkeit zu vereinen in der Lage sind. Ein Gut, das einfach nicht überzubewerten ist:
Dass sich der Wert eines Menschen allein nach seinen Taten und seinem Charakter bemisst.
Dass einzig und allein das Sein des Individuums zur Verantwortlichkeit gezogen wird und nicht die Gruppenidentität, nicht Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Religion.

Der gegenwärtig gescheiteste Kopf in dieser Sache ist der kanadische Psychologe Dr. Jordan Peterson, der sich, aus dem Blickwinkel der psychologischen Motivation, seit über vierzig Jahren mit der Entstehung linker und rechter Ideologien befasst und den gegenwärtigen Verhältnissen die genaueste Anamnese ausstellt: Dass die leidliche Fusionierung von Postmoderne und Marxismus (bzw. deren unzulänglichsten Interpretationen) im Kometenschweif einer polarisierenden, postfaktischen Zeit gerade zu ihrer Blüte reift und durch die idiosynkratrische Pervertierung klassischer linker Themen abermals gewährleistet, einer neuen Welt die alten Barbareien zu offenbarten. Dass wieder mal eine endlich bessere, gerechtere Welt proklamiert wird und gleichzeitig genau jene ausgetretenen Pfade eingeschlagen werden, die in der jüngsten Vergangenheit zu dem unsäglichen Horror aller kommunistischen Menschenbewältigungsversuche geführt haben. Warum also sind wir gerade dabei, links oder rechts aus der Bahn geworfen, passgenau und willentlich in den Wahnsinn des letzten Jahrhunderts zurückzufallen?
Seien wir versichert: Gestern wie heute ist kein allumfassender, kein hellsichtig-integrativer Wille zur Gerechtigkeit, der die auf lange Sicht tragischen Gleichmachungskampagnen antreibt: Es sind bittere Ressentiments, Naivität und Machtansprüche. Denn wer glaubt, der eigene, von juveniler Lebensenttäuschung, Denunzierungssucht und Sprachregulierung durchsetzte Anlauf auf den endlich besseren Weltenzustand würde diesmal nicht in Unterdrückung enden, weil ja schließlich der eigene Rassismus in liebkosenden Verbesserungswillen, der eigene Sexismus endlich die notwendige Gegenwehr und der eigene Traum von sozialer und politischer Kontrolle nur in bedingungslosen Mitgefühl gegründet sei, der möge besser seine Gründe prüfen und, wenn man sein Gewissen schon nicht zu Rate zu ziehen weiß, in der Geschichte nachschlagen, zu welchen Ergebnissen solche Unternehmungen ausnahmslos geführt haben.

Unser Dornröschenschlaf ist vorbei.
Während die seelenbleiche afd hochtrabend in den Bundestag einschunkelt, dürfen wir als Gegenreaktion nicht den nächstbesten Radikalen in die Hände fallen, deren gleichsam übersimplifizierte Ideologie ausschließlich von einer Obrigkeit initiierte soziale Konstruktionen für unser Sein verantwortlich macht und mit der Zerstörung der negativen und positiven gesellschaftlichen Fundamente den Nährboden für eine haltlose Zukunft ebnen will. Nein, an diesen Händen und an dieser Philosophie, die heute dem Mainstream, der Medienlandschaft und Großkonzernen shitstormwetternd das Sagen- und Nichtsagendürfen diktieren, klebt schon viel zu viel Blut, als dass wir sie uns abermals leisten könnten – auch und insbesondere, wenn die Alternative vom rechten Rand derart unsäglich ist, dass man sie in Deutschland kaum auszusprechen mag.
Kurzum: Wir müssen uns wieder entscheiden, in was für einer Welt wir leben wollen und wie wir die gesellschaftlichen Verhältnisse meistern, um unser Zusammenleben vor Hass, Denunzierung und Verachtung zu schützen. Denn eine bessere Welt ist so wahrlich wie möglich und, mit Blick auf die Evolution des transformativen Wesens homo sapiens, zum Glück unausweichlich.
Unsere dringlichste Aufgabe besteht noch immer darin, aus unserer sozio-ökonomischen Primatenvergangenheit unser sozio-ökonomisches Menschenaffendasein, also unsere Gegenwart zu begreifen, und aus diesem vollwertigen Wissen eine Zukunft zu gestalten, die wahrlich mehr Geist ist als Körper, mehr Intuition als Instinkt, mehr Mensch als Primat du schlichtweg mehr Liebe als Hass. Da nicht das Was und Wann im Vordergrund stehen, sondern einzig das Wie, wird das Narrativ allesentscheidend sein: Unsere genaue und ehrliche Schilderung der bisherigen Faktenlage im Hinblick auf jene intrinsischen Wirklichkeiten, die es aus allen Möglichkeiten zu verwirklichen und aus dem noch Ungestalteten auszugestalten gilt.
Der erste Schritt wäre, alles Übel und Reaktionäre, was uns und unseren Nächsten überkommen kann, radikal zu benennen.
Auch, wenn es sich hübsche Namen gibt.



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