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Dennis Freischlad / Hundert Jahre Griechenland

Links erreicht uns das Meer, rechts dauern die Felsen; dahinter nur Wahrsagen von anderer Sprache. Ein großer Atem schluckt Licht in die Reben. Sonnen flügeln den Berg. Alles weiß, ist sich zur Kenntnis gegraben frühlings- und sommerlang, alles besitzt: der Stein den Sand und Wasser das Schweigen.
Wir kommen an. Seit Tagen keine Zeit ohne Ende. Ein kleines Auto schnürt die Stunden in die Rundungen von Ocker und Grün, verpackt die Erde und wirft sie unter den Himmel. Wir kommen durch ein Dorf, nur von schlafenden Katzen bewohnt, wir kommen durch ein Dorf, in dem die Hände taub sind vor Sonne, wir kommen durch ein Dorf und durch hundert Dörfer, die alle eins sind und überall – wir zählen sie nicht. Alte Männer, ein ganzes Jahrhundert Wetter in den Gesichtern gelagert, schnipsen Papierkugeln von den Tischen. Halbe Ohren, trübe Augen, ihre Kraft verzimmert in ein Haus aus Knochen. Sie halten sich zusammen mit selbstgemachten Witzen, die die Frauen aufhorchen lassen in diesem letzten Stück Leben, endloser Raum des Wartens, nur bewohnt von uralten Worten und Mokka. Das Sehen und Hören und das Wissen schon lange. Das Bleiben. Dorf, überall, den Himmel voll Trauben und schon längst nicht mehr durstig.
Silberteppich dort, wo die Olivenhaine ins Tal rollen, und weiße Falter in Büschen. Fenchelbaum, Sesam, Narzisse. Knospenweiche Kapseln, in denen Lilien trinken und der Zinnober platzt. Die Sonne schmeckt weiß, die Luft tauscht Blüten gegen klarbare Lippen. Nur Orangen drängen dick und üppig und leuchtend in die Landschaft, alles andere ist Beweis jener Zartheit, die auch an den Augen der Menschen ihre Feingemahlenes hellt. Es geht schlichtweg nicht anders: Was hier der Trockenheit und dem Erdstein Leben abgewinnen will, muss den feinen Schnitt dieses ewigen Landes in sich ruhen haben, der Jahrhunderttausende Wind und Meer. Nichts ist unbedacht und kein Halm, anderer Erde Wahrheit, zu leichtsinnig aus Ton und Eisen hinauf zu Sonne und warmen Nächsten gewachsen. Nur ein Gott nährt jene Sorgfalt, die solcherlei Sein ins Wachsende, ins wolkenwärts Werdende blüht und weiter nichts will. Kraut und Strauch und Blum als hauchzarter Geschmack, der sich zwischen Erde und Sonne legt wie eine große Leidenschaft, von der jeder weiß, der ist. Vollendeter Thymian, breiter Muskat, alchemistischer Salbei. Licht im Rosmarin, das man Blütsam nennt und Dorn. Da liegen sie also, die mannignackten Augen der Göttin, die sich den Koriander aus der Brust treibt und sich Wasser ruft unaufhörlich. Pantheon: Was hier Lebstoff ist und Wuchs, hat alles verdient.

Camus schrieb, Europa brauche mehr von dieser das Dunkle maßregelten Mittelmeerphilosophie, mehr von weichem Wein und warmen Meereswind, der jeder Stirn ein bleibendes Gebet spricht. Die Elemente kennen das Tier und wissen den Menschen. Wer will hier nicht Alles lieben, umringt von Brüdern und Schwestern, deren Namen in allen Dingen der eigene ist?
Alles kennt, alles besitzt. Mit den Händen, die man den ganzen Tag tief in den Körpern des Felsens, im Meeresblau und in der Erde hatte, greift man Abends das Brot und verteilt es über den Tischen. Das Brot weicht den Wein, das Brot legt sich in den Mund wie Schlaf, das Brot hat Lieder alle, das Brot ist aus den Worten der Menschen. Die Menschen verteilen das Brot über den Tischen und singen und sagen, das Brot kenne den Herzhof und der Wein gebe reichlich. Die Köchin mit riesigen Händen und dem großen Lachen der Berge. Auf ihrer Schulter sitzt eine Fliege. Auf ihrer anderen Schulter wächst Pfeffer. Der Raum klingt. Wir sitzen im Inneren eines Weinfasses, sagt Hannah. Die Köchin verjagt die Katzen und schneidet Zucchini, am Holz klebt die Butter und fließt in die Kehle. Wir trinken und essen und wachen herauf zu Wolk und Holunder, die der Wind herbeispricht.
Keine Telefone, keine Wochentage. Wenn wir irgendwo die Uhrzeit sehen, bezweifeln wir sie. Es wird schon nicht jene sein, die wir empfinden. Die Katzen sitzen stumm und schön unter dem Tisch und warten auf Krumen. Wenn die Köchin die Messer schleift und leise rülpst, ist der Abend endgültig aus dem Meer gestiegen. Umarmung, ein Kuss, sie fährt über die Flecken ihrer Schürze und geht Wunschbrunnen trinken. An der Klostermauer fließt ein alter Bach in ihre Beine und bringt ihr den Schlaf. Morgen wird sie berichten.
Der Weg zu unserem Haus hat dunkle Flecken von zertretenen Oliven. Der Wein ist leer aber wir machen ihn voll. Ein Losverkäufer geht die Landstraße entlang und klaubt sich Tabak aus den Taschen. Die Sonne stürzt weit hinter den Hügel und macht die Nacht auf. Wir sitzen auf dem Balkon, der zum Meer geht, und hören das Meer. Wir sitzen auf dem Balkon, der zum Felsen hinaufgeht, und stopfen uns Monde in den Mund. Hannah sagt, der Fels habe eine Kraft, die mehr ist als Erde. Die Milchstraße schwankt und springt uns über die Lippen. Wir haben keine Wahl und lachen über uns: Kleine bewegliche Gegenstände der Landschaft, des bebilderten Äons unserer Augen, die nach Schnaps greifen und behaupten, man könne ewig so weitermachen. Wir lachen, aber die Sterne decken uns zu.

Ich wiederhole: Erde, Luft, Stein, Salz. Ich schreibe: Der Morgen und das Licht und das Meer und die Wärme. Alles andere ist eine Abwandlung dieser einzigen und endlosen Worte. Alles andere hallt und hat verklumpte Geschichten auf der Zunge.
Unten die Minze. Atemplane Meer, die den Himmel über die Erde verteilt voller Endlos. Wir fahren. Das kleine Auto fliegt durch die Berge und durch die Dörfer und wir halten an, um neuen Ouzo zu kaufen und bei den Ziegen zu sitzen. Am Meer sehen wir die Insel und warten auf die Fähre, die irgendwann kommen soll. Ich rolle mich in den Sand und schlafe. Überall warm. Im Traum stehen Malven am Himmel. Hannah weckt mich mit der leeren Flasche, weil ein Leichenwagen mitkommt auf die Fähre. Als wir die Insel erreichen, warten bereits die Trauernden. Drei mal tönt das Horn der Fähre. Ein Vogel hockt sich auf das Kassenhäuschen. Der Mann im Kassenhäuschen zählt Kleingeld in seinen Beutel. Die Frauen schreien und fallen gegen den Wagen und schluchzen, die Männer klemmen die Mütze unters Kinn. Aus ihren Mündern fallen Sprichworte in die Mütze. Sie wollen die Mütze wieder aufsetzen, aber sie passt nicht mehr vor lauter ungehörter Silben. Ich stülpe den Sand aus den Hosentaschen, der warm ist und voller vergessenem Schlaf. Das Wasser ist Türkis und schwappt in den Hafen. Es gibt nur ein Dorf, das Dorf ist einzig und wie alle Dörfer. Die Menschen tragen Schwarz und kneten das Brot tief in den Himmel. Wir schwimmen in der Bucht, das Klirren der Steine unter den Füßen. Die Unterhosen trocknen wir über den Kaffeetassen, in der Kirche singt der Pfarrer von den Toten, die aus dem Leben kamen, und den Lebenden, die aus dem Tod kamen. Ein dicker alter Mann mit zerschlissenen Hosen trägt zwei Mandarinen durch den Tag. Er schenkt sie uns. Die Mandarinen sind süß und zerplatzen im Mund. Wir nehmen die letzte Fähre zurück und rollen uns in die Tiefen der Berge, die uns zuvorkommen wollen mit Nebel und den dicken Orangen. Wir sind auf der Hut. Hangaufwärts setzen wir uns zu den Ziegen und bleiben, um zu vergessen.

Unser Dorf, einige Dörfer entfernt. Jeden Tag lehrt man uns ein neues Wort. Hallo, Danke, Tisch, und schließlich: Teig. Dorf, im Brustkorb und unter den Füßen eine lange nackte Erde voll von Silbertalern und Glossen. In der Dorfmitte das Café die Taverne. Die Terrasse voll undichter Stühle und dem Zeugs aus den Zeitungen, das in den Händen zerbröselt. Wir sitzen und trinken und lesen. Über den alten, selbstgebrannten Ziegeldächern steigt der Kirchturm auf. Eine Frau schüttelt Falter aus den Bougainvilleas. Die alten Blätter fallen herunter, sie fegt die Blätter von der Veranda. Aber die Blätter wachsen nach und holen sie ein und nehmen sie und den Besen und steigen herauf ins Gemurmel der Farben. Die Frau sitzt fest und schreit nicht. Man schielt herüber und schreibt uns ein neues Wort in die Kladde: Brot.
Ab und zu fährt ein Pick-up vorbei. Hinter dem Lenkrad ein braungebranntes Gesicht. Die Ladeflächen voller Krams, solcherart festgezurrt, dass man ab und an genau jene Sachen verliert, an die man sich nicht länger als eine Stunde erinnern wird. Frischer Kaffee in warmen Tassen. Auf den Tischen stapeln sich die ungeöffnete Briefe und die Zigaretten. Dann kommen die Wolken, dann kommt der Regen, und Rauch steigt aus der Erde. Die Radios springen an, es sind glückliche Stunden, die nun unter einem Pulli verbracht werden. Hannah geht spazieren. Sie kommt wieder und sagt: Ich stand unter einem Feigenbaum. Sie sagt: Man sagt, man soll nicht unter einem Feigenbaum einschlafen, da sein Schatten zu schwer sei. So sind die, die Weisheiten des Landes, sie ziehen sich die Kappe tief ins Gesicht und schälen das Licht von den Pflaumen. Worte rasseln das Grün von den Hängen, in den Tälern schaufelt sich Sonne den Vers. Drinnen sagen die Alten, dass die Winde beginnen und die Tage enden. Aufgeplatzte Granatäpfel fließen durchs Dorf, wir wissen es, jeder weiß es. Die Alten packen sich an den Händen und schließen die Augen und tanzen auf den undichten Stühlen bis weit in den Traum. Sie erreichen Tage, deren Namen sie nicht mehr erinnern. Sie sind fort. Wir trinken und rascheln mit den Zeitungen. Der Anis kommt. Über uns Licht und die große Herberge Ja. Wir sind allein auf der Erde.

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Dennis Freischlad / / Trump the System

Es gibt zwei Tatsachen, in deren kalter Vertrautheit wir gerade die Tage veratmen und die Nächte prima durchschlafen. Die eine ist augenscheinlich und extrem unterhaltsam; die andere hingegen dämmert uns solch schweren Herzens, dass wir sie hübsch im Halbdunkel unseres Gewahrseins bewahren und sie partout nicht ans Licht schleifen wollen. Erstens: Donald Trump ist ein bigotter, unnützer und demagogischer Narzisst, dessen arme Seele vor keiner Prahlerei, die er vor aufgehetzten Anhängern bestens zu improvisieren weiß, zurück schreckt. Schön und gut. Zweitens: Am 8. November wird genau dieser Donald J. Trump zum Präsident der Vereinigten Staaten gewählt werden.

Für diejenigen, die sich diese fast schon märchenhafte Krönung eines ungeheuren Minderwertigkeitskomplexes beim besten Willen noch immer nicht vorstellen können, seien kurz die Unvorstellbarkeiten der letzten 15 Monate rekapituliert, angefangen mit dem Oscar für die beste Politkomödie, seine Kandidatur. Man rieb sich begeistert die Hände und schob das Popcorn in die Mikrowelle: Der Depp kommt die Rolltreppe runtergefahren, wird bizarres Zeug über die bizarren Lippen bringen und einen Körper-und-Geist dauersenden, dass wir alle einige Wochen lang bis ins Mark unterhalten sind. Zur Erinnerung: Dies war die Meinung aller Erdenbewohner, die nicht Donald Trump heißen. Dass der Clown es länger macht als ein paar lustige Wochen – nicht vorstellbar! Seine Ausfälle gegen Einwanderer in einem Land, dass nur aus Einwanderern besteht, gegen Mexikaner, Muslime, Frauen, John McCain, gegen republikanische Helden: nicht vorstellbar. Darauf folgend seine Siege in den Vorwahlen, fast durchgängig vom zweiten bis zum letzten, von New Hampshire bis DC. Nach jedem, und ich würde es gerne kapitalisieren, also tue ich das mal, nach JEDEM einzelnen Sieg, nach JEDEM seiner Auftritte in Funk, Print und TV: Der wird niemals Präsident! Ohne eine weitere Verhinderung der Vorstellbarkeit wird Trump auf dem Parteitag der Republikaner zum Präsidentschaftskandidaten ernannt, aber dass er jemals Präsident werden könnte, sie ahnen es: unvorstellbar. Wann wäre das einem Präsidentschaftskandidaten auch schon jemals gelungen? Und nun, angetäuscht staatsmännisch und in den Umfragen mit Hillary Clinton Kopf an Kopf liegend, darf man es getrost aussprechen: Wer noch immer glaubt, dass es einfach nicht geschehen kann, dass so ein Mensch Präsident wird und sich Vernunft und Anstand – auf die man das letzte halbe Jahr aus Höflichkeit oder dergleichen verzichtet hat – gerade in dem Moment einstellen, in dem Trump auf den unbeliebtesten Kandidaten trifft, der sich überhaupt jemals für ein Amt irgendeiner Art beworben hat: der bringt auch einen Schneeball in den Senat um zu beweisen, dass die Erderwärmung ein verdammter Schwindel ist.

Michael Moore hat kürzlich fünf plausible Gründe vorgelegt, warum Trump Präsident wird, und es gibt zahlreiche weitere Analysen mit vergleichbaren Ergebnissen. Selbst die New York Times weiß: Schafft Trump die sogenannten Swing States, also Ohio, Pennsylvania und das Jeb-Bush-Territorium Florida, ist ihm die Präsidentschaft nicht zu nehmen. Aber so weit brauchen wir überhaupt nicht zu argumentieren, denn eigentlich reichen drei simple Gründe vollkommen aus, um die letzten Zweifel an Trumps Wahlsieg zu beseitigen wie Schiffe aus der Wüste.

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Trump musste sich nicht als Unabhängiger Kandidat aufstellen, sondern hat die fast komplette Wählerschaft der Republikaner hinter sich. Warum man für ihn stimmen wird, obwohl man nicht für ihn stimmen will, zeigt sich an einem sehr einfachen wie repräsentativen Beispiel. Noch vor den ersten Vorwahlen wurde in einer Seniorenresidenz in Florida, deren Einwohner sich allesamt unter die Republikaner zählen, eine Umfrage über die damals noch zahllosen Kandidaten durchgeführt. Nur durchschnittlich ein Wähler aus zehn sympathisierte mit Trump – die restlichen 90% verachteten ihn als großmäulig, unchristlich, unsympathisch und charakterlich vollkommen inakzeptabel. Keiner dieser 90% hat Trump in den Vorwahlen gewählt. Auf die Frage aber, wen sie unterstützen würden, falls Trump als Kandidat der Republikaner gegen die noch weniger wertgeschätzten Demokraten antreten würde, schlugen sie sich im Angesicht des nimmermüden Parteienkampfes nicht auf die Seite des richtigen Kandidaten, sondern ausnahmslos und selbstverständlich auf die Seite der richtigen Partei. Niemals einen Demokraten! In jedem Fall immer einen Republikaner!

Heute wissen wir: Deren Kandidat heißt Donald Trump.

2

Trump ist omnipräsent. Niemand hat die Medien so gut verstanden wie er, niemand weiß sich besser darzustellen und die nach Skandalen, Spektakel und Shitstorms gierende Medienlandschaft treffsicherer zu bedienen. Tagtäglich beginnen die Nachrichten und die Late-Shows mit ihm. Bad publicity is better than no publicity. Sein Gespür für die Quote ist phänomenal. Trump ist ein sensationeller Polemiker, der ziemlich genau den Puls einer hoffnungslos verängstigen Bevölkerung fühlt, und sogleich Künstler der Massenmanipulation. I have heard. People told me. People are saying. I got so many emails. It’s happening, everyone is saying it. Durch die unendlichen Wiederholungen von Behauptungen schafft er (gekonnt nach dem Goebbels’schen Prinzip, das eine permanente Wiederholungen letztlich einem Beweis gleichkommt) endliche Fakten: Wichtig ist dabei nicht, ob das Rausgeschriene nun wahr oder eine Lüge ist. Trump ist es egal, was genau er sagt. Wichtig und entscheidend ist ihm stets das, was er damit meint.  Wenn er z.B. aufgrund zahlreicher Illigalitäten seiner Fake-University vor Gericht einiges zu befürchten hat, erwähnt er einfach, dass der Richter mit dem Namen Gonzalo Curiel höchstwahrscheinlich Mexikaner sei. Meint: Man lebt in einem korrupten System und will sich an Trump rächen, der als starker Mann in diesem von illegalen Einwanderern verseuchten Land Recht und Ordnung schaffen will. Wenn die Eltern eines aus Pakistan stammenden US-Soldaten, der im Krieg gefallen ist, Trump vorwerfen, die Verfassung nicht zu kennen und Soldaten und Veteranen nicht zu achten, erwähnt er einfach, dass die Mutter des getöteten Soldaten, schweigend und trauernd an der Seite ihres Mannes, wohl nichts hatte sagen dürfen. Meint: Wir müssen uns hüten vor fremden und freiheitsverachtenden Kulturen, die nicht unsere Werte besitzen.

Im Celibrity-geilem Amerika weiß der Reality-Star, dass es primär um den Nimbus geht, der von der (in seinem Fall orangenen) Stirn eines Menschen strahlt. In Zeiten, in denen Politikverdrossenheit der Status Quo demokratischer Souveränität geworden ist und der Kampf nicht mehr zwischen linken und rechten Lagern, sondern zwischen liberalen und autoritären Fronten stattfindet, verkauft sich Trump als Outsider und starker Mann. Die Wähler gieren fasziniert nach dieser Person, die die gewohnte politische Rhetorik wunderbar in den Ozeanen versenkt und seine Mitbewerber aufs allerschönste beleidigt, weil er so frei ist, das zu tun. Ob dann wirklich eine Grenzmauer gebaut wird und der Staat Mexiko dafür bezahlt, ist dann bereits so unerheblich wie die Wahrheit geworden.

3

Trevor Noah hat kürzlich in der Daily Show auf diese Einzigartigkeit hingewiesen: Zum ersten Mal in der Geschichte haben beide Parteien den einzigen Kandidaten nominiert, der überhaupt in der Lage wäre, gegen den Gegenkandidaten zu verlieren. Hillary Clinton hat nur eine Chance, weil sie Trump als Gegner hat. Trump hat nur eine Chance, weil seine Gegnerin Hillary Clinton heißt. Ich habe bis zur Fertigstellung dieses Artikels einen Tag lang versucht, in der deutschen Medien und Politikwelt einen passenden Vergleich zu finden. Es ist mir trotz Personen wie Markus Söder, Angela Merkel oder Frauke Petry nicht annähernd gelungen.

Nicht erst seit der Finanzkrise oder Handelsabkommen wie TTIP hat auch der letzte Bürger bemerkt, dass alles, was unter der Fabelsumme Demokratie läuft, in Wirklichkeit nackte Plutokratie und Oligarchie ist. Immer verliert der Wähler gegen den Lobbyismus deren, die dem Kongress die Gesetze gewinngerecht vorlegen. Schon lange haben die Amerikaner beider Lager das Gefühl, das etwas Grundlegendes verkehrt läuft. Wie betäubt schaut man dem offenkundigen Treiben zu, welches eine für die Finanzelite des Landes korrumpierte Politik als beste Option für alle verkauft, und wie in den meisten westlichen Demokratien sehnen sich die Menschen nach einer Veränderung des politischen Systems oder zumindest nach dem Sturz der alten Herrscherklasse. Und hier kommt Trumps größte Trumpfkarte, die ihm von den Demokraten so generös zugesteckt worden ist. Hillary Clinton, Symbol dieser bürgerfremden Polit-Elite, die Washington-Insiderin, diejenige, die wie fast keine andere für die Korruption und Falschheit einer politischen Ära steht, die niemand mehr möchte, die wie keine andere ihre Position den Umfragewerten anpasst und der Lächeln und Winken nur Mittel zur Macht sind. 60% der Amerikaner halten sie für unsympathisch und für eine Lügnerin. Clinton bildet so viele Angriffsflächen wie all die Blätter, die Trump nicht vor den Mund nehmen wird, wenn sich die beiden bald in den TV-Duellen gegenüber stehen. Gloves off, wie die Amerikaner so schön sagen: man fiebert diesen „Debatten“ zu wie Gladiatorenspiele, bei denen man weiß, dass es Blut und Tote geben wird, eine große Show, in der es vor allem nicht um Politik gehen wird. Trump hat bereits vor Millionen von Zuschauern über sein bestes Mannesstück gesprochen, Mineralwasser herumgespritzt und behauptet, es sei der Schweiß seines Konkurrenten Marco Rubio, Trump hat Moderatoren beleidigt und seine Gegner wie der Stärkste auf dem Pausenhof vollkommen und unaufhaltsam demoralisiert. Trumps Spitznamen für seine Gegner sind jetzt schon legendär. Er wiederholt sie mit einer Konstanz und Unermüdlichkeit, dass sie vom Charakter des- oder derjenigen nie wieder reinzuwaschen sind. Low Energy Jeb Bush. Lying Ted (Cruz), Failed Mitt Romney usw usf. Und nun, so entertaining wie korrekt: Crooked Hillary, in letzter Zeit vermehrt auch Lying Hillary und natürlich, nach ihren zur Schau gestellten körperlichen Gebrechen: Illary.

Und was macht Clinton, während Trump mit so viel Dreck schmeißt, das genug hängenbleibt?Akribisch arbeitet sie an dem Stoff für die Debatten und scharrt die bester Redner um sich, um von ihnen zu lernen. Sie ist ihrem Gegner an Wissen, politischer Erfahrung und Intelligenz um Welten überlegen, und all das wird ihr nichts nützen. Trump wird sie mit Crooked-Hillary-Sprüchen überziehen, bis nur noch diese zwei Worte mantrisch in den Ohren der Zuschauer wieder- und wiederklingen. Das Publikum, mit den obligatorischen „Trump that Bitch“ Shirts bestückt, wird johlen und kreischen und fordern, dass man sie endlich für ihre Verbrechen gegen Amerika (Benghazi, private E-Mail-Server, Käuflichkeit etc.) in den Knast steckt. Lock her up, hieß es aus den kehlen Tausender auf dem republikanischen Parteitag. Ein Wunder, wenn Trump diese Forderung in Zukunft unerwähnt ließe. Zudem können sicher sein, dass Trump ebenfalls nicht unerwähnt lassen wird, dass eine Frau, die offensichtlich noch nicht mal ihren Mann befriedigen kann, auch nicht jene Stärke und Greatness zu eigen hat, die eine gefühlt im Kriegszustand stehende Nation von ihrem Commander-in-Chief benötigt. Wenn ich mich in ihn hineinversetze, flögen folgende Worte aus meinem Mund: „Ich würde eher Monica Lewinsky zum Präsidenten wählen, das ist eine starke Frau! Immerhin weiß sie, wie man einen Job gut macht.“ Auch wird er seine eigene Macht über Hillary durch die Geldspende erwähnen, die er ihr hat zukommen lassen, damit sie und ihr Mann auf seiner Hochzeit auftauchen und ihm brav die Hand schütteln. Und ja, es ist wirklich so: Wenn er sie als Fat-Ass-Crooked Hillary bezeichnen würde, ihrem Aussehen höchsten eine drei aus möglichen zehn gönnen würde, dann wird ihm das Wählerstimmen einbringen und keine Antwort Hillarys, möge sie noch so profund, witzig oder weise sein, könnte das Ruder herum reißen. Trump wird die Debatten klar gewinnen und Hillary bloßstellen. Ihre Chance ist schon vertan, denn alles Missbilligende, was sie über ihn sagen könnte, ist bereits gesagt worden – und zwar von Trump selbst. Jedes Wort, mit dem er sich selbst als Hochstapler, Lügner oder gefährlicher Rassist entlarven könnte, ist ihm schon über die Lippen gegangen und zu Millionen Wählerstimmen verpufft. Alles hingegen, was er noch über sie posaunen könnte und wird, wird sie immer weiter diffamieren, diskreditieren und im Endeffekt vernichten.

Trinken wir eine Flasche Rotwein und sehen es ein: Trump, der in den letzten Tagen den Abstand zu Hillary immer wieder verringerte und in einigen Umfragen sogar führt, wird also Präsident, weil die Leute den Charakter wollen, der sie mehr beindruckt, und keinerlei vertrauen mehr in die Politik besitzen, die Hillary Clinton sie wie kein zweiter Erdenmensch repräsentiert. Die Untergangsrhetorik und die Reden von der Abschaffung Amerikas durch einen kenyanischen Muslim und seine PC-Schergen, die die Republikaner und Fox-Moderatoren seit acht Jahren unaufhörlich verlautbaren, hat also genau jene Frucht hervorgebracht, die so vergiftet ist wie der Baum, an dem sie wachsen und gedeihen konnte. Laut dem FBI ist die Kriminalität in den letzten Jahren stetig zurückgegangen, doch noch nie hatten die Menschen so viel Angst. In einem Land, das sich von einer seiner schlimmsten Rezession unter Obama stetig erholt hat, in dem die Arbeitslosenzahl sinkt und die Wirtschaft wieder floriert, hat man das Gefühl, der Weltuntergang sei so nahe wie die heiße Luft in den Furchen des Gehirns. Und so reagiert das nie vernünftige Amerika auf ein Gefühl, auch wenn man weiß, dass es trügt. Newt Gingrich hat kürzlich vor laufender Kamera das Entscheidende gesagt, indem er immer wieder betonte, dass sein Gefühl wahrer ist als ein Fakt, dass seine unbegründete Meinung mehr Gültigkeit besitzt als ein Beweis. Ja, ein Politiker kann heutzutage so etwas sagen und seine Karriere fortsetzen, und ja, dies ist der Grund, warum Trumps Aufstieg unaufhaltsam ist.

Trinken wir eine zweite Flasche Rotwein und bemerken: Da die Menschheit schon immer Katastrophen gebraucht hat, um sich weiter zu entwickeln und progressiven Ideen neuen Platz zu schaffen, ist ein Präsident Trump nur auf dem schalen Blick desaströs. Der Untergang ist seit jeher bester Treibstoff für all die Veränderungen, die auf ihn folgen. Erst wenn wir krank sind, setzen wir uns mit einer Heilung auseinander. Erst wenn in einer Erdbebenregion in Italien ein Erdbeben ganze Dörfer vernichtet, baut man erdbebensicher. Erst wenn uns das Wasser bis zum Hals steht, werden wir den Klimawandel erstnehmen. Erst wenn Europa durch zwei Weltkriege durchmuss, weiß man anschließend, dass Nie wieder Krieg vielleicht sinnvoller ist als Hass und Gewalt. Die Evolution arbeitet zyklisch. Eine bleibende Verbesserung zeichnet sich offenkundig nur durch die aufeinanderfolgenden Stadien von Krieg und Frieden aus. Damit sich das Leben weiter entwickelt, ist es auf den Tod angewiesen, und um ein falsches Gefühl loszuwerden, muss es sich unter allen Umständen als falsch beweisen.

Ein Wahlverlierer Trump wäre der Schrecken ohne Ende. In welche Bereiche wird sich all der Hass, all die vergiftete Stimmung ausbreiten, wenn Trumps Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt ist? Die Gewalt gegen Minderheiten und die sowieso stetig voranschreitende Spaltung der amerikanischen Gesellschaft würden exorbitant zunehmen, Hass und Ignoranz würden bestehen bleiben und – durch Misserfolg gedemütigt – noch radikalerer Züge annehmen. Die Wähler würden noch mehr das Gefühl haben, nicht gehört und hintergangen zu werden. Nein, nur ein Präsident Trump kann beweisen, dass er eben doch keine so gute Wahl war. Wenn er den Karren nicht gegen die Wand fährt – und das ist sicher: er wird ihn gegen die Wand fahren – wird niemand spüren, was für ein gottverdammter Fehler begangen wurde. Learning by failing. Die Wahl Trumps als notwendiger Schritt zu Frieden und Gerechtigkeit. Schon Nietzsche wusste, dass das Merkmal der Wahrheit ihre Grausamkeit ist. Trinken wir also ein großes Glas Wasser uns sehen es ein: Würde der Mensch ewigen Frieden aushalten, wäre er ein Engel und kein Mensch.

 

 

 

 

 

 

 

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BAD NEWS ONE

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crow hand

Manche Kleider
sind Bilder, die aus der Fläche in den Raum
hin zu warmen Körpern drängen, um an ihnen Haut zu werden, Ich zu werden, Du zu werden,
laut zu werden,
auszusprechen,
wie ich leise Du
werde, wenn ich eine Haut
über meinen kalten Leib streife
und auf die Wand ein neuer Schatten fällt.

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Unter dem Motto „With Our Eyes Turned to the Past, We Walk Backwards into the Future” feiert das Hamburger Modegeschäft bluesleeve sein einjähriges Bestehen. Von Anfang an diente die Ladenfläche in der Marktstraße 100 nicht bloß der Präsentation von Kollektionen japanischer Designer wie Yohji Yamamoto, Rei Kawakubo und Issey Miyake, sondern auch als Ausstellungsraum für junge Künstler.
Durch die Juxtaposition von Bildern und ausgewählten Textilien stellen bluesleeve gezielt die Grenzen zwischen Kunst und Mode infrage. Die Kleider erscheinen als bewegliche Kunstwerke, die Verwandlung durch den Akt des Umkleidens als Performance.
Die Ausstellung im ELEKTROHAUS wirft nun einen Blick zurück auf sämtliche Künstler und Künstlerinnen, die das Modegeschäft im ersten Jahr seines Bestehens begleiteten. Im Nebeneinander von Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Grafik, Illustration und Architektur findet die Diskussion um die Grenzen der Kunst ihre Fortsetzung.

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Teilnehmende Künstler:
Caroline Löbbert
Yoojin Chang
Felix Demmer
Asana Fujikawa
Béla Pablo Janssen
Kawahara-Krause Architects
Julian Mader
Yuzo Ueno
Amriz  Jantan
Sascha Sebastian Hohn aka Block Barley

Vernissage: Samstag, 27. Februar ab 20 Uhr
http://fb.com/events/585838068259445/

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DOUBLE-RELEASE in Hamburg

Am Dienstag, der 15. December findet in Hamburg einen Double Release statt: 

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www.hartikel.de        und          www.kunstgespraeche.com

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   DIENSTAG – 15.12.2015 – 20:00 Uhr 

    im CENTRAL CONGRESS Steinstraße 5-7, Hamburg 

Musik von DIALOG MIT DER JUGEND

https://www.facebook.com/events/463926140481848/

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Lene Vollhardt, Be careful what you wish for

Laufzeit: 28.11.5 – 8.1.16

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Text zur Ausstellung:

Aluminium Grace ist der prothetische, flexible Mensch, welcher der Gegenstand der Installation Be careful what you wish for ist. Sie zeigt eine Auseinandersetzung mit der weiblichen Ikone Grace Kelly, welche in den 50er Jahren – der Blütezeit des Fordismus- das mediale Bild des It-Girls prägte, und setzt sie den Anfangspunkt einer relativen Chronologie der Prozesse von Identität und weiblicher Lohnarbeit.  In der heutigen Zeit erreichen die Informationen von Ikonen und sich wandelnde Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt einen Null-Punkt, in dem alles vereinbar erscheint: Privates und Arbeit, Sex und Geld, Individualität und serielle Adaption.

Die Panik davor, vom Kosmos isoliert zu sein, macht uns süchtig nach Kontakt, und führt dazu, das „globalisierte Ich“ ständig zu re-adjustieren, und auf die Angebote zu reagieren, die uns die Warenwelt tagtäglich liefert.

„ Das Junge Mädchen lebt schlichtweg wie ein Fremder zu ihren eigenen Sehnsüchten, welches von der Ware des Super-Ego kohärent reguliert wird. Die Langeweile der Abstraktion fliesst frei in diese verdammte Situation.“

– Tiqqun

„ … Zumindest verstehe ich das unaufgelöste Dilemma als etwas körperliches; oder vielmehr als ein sozio-physisches Phänomen, das das junge Mädchen in eine Zwangskontradiktion zum jungen Jungen setzt. Das Unverständnis der eigenen Lust gegenüber und die historische Stigmatisierung der sexuellen Befriedigung als solches, führt meiner Meinung nach zu einem Ungleichgewicht zwischen den männlichen und weiblichen Begierden und Süchten.“

– Vincent Schneider

Tracy: Do you like my dress?
Uncle Willie: Oh yes, it’s quite beautiful.
Tracy: It’s awfully heavy.

(Grace Kelly in „High Society)

 

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Dennis Freischlad / Hymnus Tour

People, our man Dennis Freischlad tours Germany with his new Book “Hymnus – Die Suche nach Amerika”, read spot-on by the great Daniel Sellier. Meet them and greet them:

26.11.  Berlin / Grüner Salon in der Volksbühne

29.11.  München / Favorit Bar

30. 11.  Leipzig / Telegraph

01.12.   Hamburg / Golem

03.12.   Frankfurt / Brotfabrik

05.12   Stuttgart / Literaturhaus

08.12  Köln / King Georg

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Mike Meiré @ 5,26 m³ // Review

Mike Meiré, “All We Ever Wanted Was Everything All We Ever Got Was cold“

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DIE WIRKLICHKEIT UNSERER STÄDTE
ÜBER MIKE MEIRÉS INSTALLATION FÜR 5,26 M3

Jeder hat schon einmal zögernd in eine Fußgänger­ unterführung geschaut. Soll man die Passage wa­ gen? Oder entscheidet man sich doch dazu, das Hindernis, das sie unterqueren soll, entgegen der Planung oberirdisch zu überwinden? Anders als es ihr sehr praktischer Zweck vorgibt, bleiben uns Fuß­ gängerunterführungen zumeist als Angsträume in Erinnerung, die jeder, so gut es geht, meidet. Einst als modernes städtebauliches Hilfsmittel zur Durch­ setzung der autogerechten Stadt allerorten einge­ setzt, sind sie in Verruf geraten.
Soweit die bekannte Geschichte des Scheiterns, die viele gerne als symptomatisches Scheitern der Moderne insgesamt lesen möchten. Man könnte den Text hier beenden und ein Loblied auf die durch­ gentrifizierte „Europäische Stadt“ singen. Interes­ sant wird die Geschichte jedoch, wenn diese dys­ funktionalen Nicht­Orte, die geradezu aus der öko­ nomischen Verwertung herausgefallen sind, in der kommerzialisierten, privatisierten Stadt, in der jeder Quadratmeter Boden dem Verwertungsdruck aus­ gesetzt ist, zu Möglichkeitsräumen werden, die ab­ weichendes Verhalten zulassen. Statt sie zu homo­ genisieren und in eine weitere glatte, herausgeputzte, konsumorientierte Umgebung zu verwandeln, kann
man sie durch Aneignung für die Subkultur aktivie­ ren. Dass man sich an diesen Orten mitunter auch gerne aufhält, zeigt uns die U­Bahn­Unterführung Ebertplatz in Köln. Im hiesigen Restaurant „African Drum“ fanden die gleichnamigen, fast schon legen­ dären Techno Partys statt. Die gleiche Subkultur fand sich nur einige Meter von der Unterführung entfernt im King George zusammen, in dem auch Punk Konzerte und Lesungen stattfinden.
Trotzdem ist die U­Bahn­Unterführung Ebert­ platz vor allen Dingen denjenigen ein Dorn im Auge, die sich hier kaum aufhalten und die sie als städ­ tischen Möglichkeitsraum nicht in Betracht ziehen. Als Lösung für die „erheblichen städtebaulichen De­ fizite“ ließ die Stadt kürzlich verlautbaren, dass in einer bis 2018 durchzuführenden Maßnahme die Verbindungswege über und unter dem Ebertplatz wieder ebenerdig verlaufen sollen. Der Ort wird dem­ nächst „auf die Möglichkeit der Rückgewinnung von Aufenthaltsqualität und klarer gestalterischer Sprache“ untersucht. In der Verlautbarung der Stadt wurde auch auf den Umstand verwiesen, dass durch die vorhandenen Höhenunterschiede und die an den Platzrändern beginnenden Tunnelbauwerke eine „soziale Kontrolle“ nur eingeschränkt möglich sei.
Einen Ort, der diese Situation reflektiert, bieten in der Unterführung die zwei Vitrinen des Kunstraums 5,26 m3. Der Designer und Künstler Mike Meiré be­ spielt sie mit seiner künstlerischen Intervention ab heute für einen Monat.
Diverse Platten lehnen hier an der Wand. In der linken Vitrine sind es Holzplatten, auf die das Cover der suhrkamp Edition von Alexander Mitscherlichs Klassiker „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ per Siebdruckverfahren aufgebracht ist. Das charak­ teristische Suhrkamp­Gelb deckt sich hier mit dem Gelb der in Melaminharz getauchten Schalungs­ tafeln, ein alltägliches Material, das man häufig auf Baustellen findet.
Rechts daneben in der anderen Vitrine sind wieder Platten – dieses Mal graue handelsübliche Rigipsplatten. Auch sie sind bedruckt: Das Motiv ist ein Still aus der Buchverfilmung Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.
Mitscherlichs Abhandlung über den Städtebau der Moderne war ab Mitte der 1960er­Jahre Aus­ druck einer populären Kritik an der modernen Stadt. Der an funktionalistische Prinzipien orientierte Wie­ deraufbau nach dem Krieg habe zu einer Entmi­ schung des Stadtraums geführt. Der „Unsinn einer Entmischung“ bewirke den Verfall der städtischen Öffentlichkeit. Diese Sichtweise ist heute allgemein anerkannt. Eine neue Generation von Planern und Architekten hat längst die Mischung zu ihrem Ar­ beitsprinzip erhoben. Der weniger anklagende als vielmehr konkret analysierende Blick Mitscherlichs bietet heute durchaus Anknüpfungspunkte, da es ihm vor allem um eine neue Bewusstseinsbildung ging. Denn der „Unsinn einer Entmischung“, der den Verfall der städtischen Öffentlichkeit bewirkt, existiert heute weiterhin, allerdings nicht mehr im Zeichen moderner Stadtplanung, sondern als Fol­ ge eines homogenisierten Raums des Konsums. Ein weiterer Mechanismus, den Mitscherlich als Grund für die Unwirtlichkeit unserer Städte ansieht, ist der privatisierte Grund und Boden der Stadt selbst. Dieses strukturelle Problem tritt heute in verschärfter Form als privatisierte „öffentliche“ Räume auf. Auch vor diesem Hintergrund sind sol­ che Orte wie der Ebertplatz von Interesse, die sich nicht so leicht der Verwertung zuführen lassen.
Ein weiterer Kritikpunkt Mitscherlichs waren die Siedlungstypen, die Entmischung und Monotonie beförderten – vor allem die Großsiedlungen. Er sah die gebaute Umwelt als „Prägestöcke“, die eine un­ mittelbare Wirkung auf die menschliche Psyche hätten. In dieser Lesart passten sich die Menschen an ihre inhumane Umgebung an, was zu allerlei neu­ rotische Fehlentwicklungen führe.
Das führt uns zu der zweiten Arbeit vom Mike Meiré, für die er als Medium die Rigipsplatte wählt. Die Trägermaterialien der beiden Arbeiten verweisen insgesamt auf das Material der modernen Architek­ tur, wie sie vor allem in jeden von Mitscherlich als monoton beschriebenen Großsiedlungen verwendet wurden. Und in einer solchen Großsiedlung, der Ber­ liner Gropiusstadt, ist Christiane Felscherinow auf­ gewachsen. Ihre Geschichte wirft die Frage auf, ob tatsächlich die Siedlungsform zu der von Mitscher­ lich beschriebenen Verrohung und Entsozialisierung der Gesellschaft geführt haben. Aus heutiger Sicht ist Mitscherlichs stark psychologisierende Interpre­ tation nicht mehr haltbar. Denn sie vernachlässigt die sozialen Umstände der Bewohner. Zumal aufgrund des knappen Wohnungsangebots nach dem Krieg die relativ gut ausgestatteten Wohnungen der Groß­ siedlungen bei den Erstbewohnern besonders be­ liebt waren – trotz der monotonen Umgebung.
Dort wo sehr bald keiner mehr wohnen wollte, nämlich in der Trabantenstadt, wollten am Anfang noch viele hin. Stellte die Gropiusstadt in den ers­ ten Jahren einen attraktiven Ortsteil im ehemaligen West­Berlin dar, der Lebensqualität bot, die es in der Innenstadt oft nicht gab, so entwickelte er sich ab Ende der 1970er Jahre durch die soziale Ent­ mischung mit 90 prozentigem Sozialbauwohnungs­ anteil zum Problemgebiet.
Als Christiane F. am Zoo zum Junkie wurde, war Mitscherlichs Buch bereits über 10 Jahre alt. In Wir Kinder vom Bahnhof Zoo wird die Monotonie des gekachelten, städtischen Transitraums, der zum Zu­ hause gescheiterter Existenzen wurde, gefühlt in jeder zweiten Einstellung gezeigt. Statt der Kor­ relation sozialer Zustände mit bestimmten Stadt­ räumen ist es Mitscherlichs These von der schäd­ lichen Entmischung, die auch heute noch unver­ ändert aktuell ist, wenn wir sie nicht nur funktional, sondern auch sozial auffassen.
Mike Meiré fokussiert all diese Assoziationen, seien sie dunkler oder heller Natur, im Titel seiner Ausstellung, für den er aus dem Text eines Songs der New Wave Band Bauhaus zitiert:
All We Ever Wanted Was Everything All We Ever Got Was Cold
Damit spannt er den Bogen zwischen Christiane F., die ihr erstes Heroin­High auf einem David Bowie­ Konzert erlebte, und der als „unwirtlich“ und kalt empfundenen Realität der in Beton und Rigips ausgeführten Nachkriegsgroßstadt, mit deren Hin­ terlassenschaften wir heute umzugehen lernen müssen, anstatt sie einer homogenisierenden Auf­ wertungstendenz zu unterwerfen.

ANH-LINH NGO UND STEPHAN REDEKER, ARCH+